Was tun gegen Desinformation?
Wie geht man in der öffentlichen Verwaltung mit Desinformation um – speziell in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit? Wir haben darüber mit Louis Jarvers gesprochen, Manager bei „PD – Berater der öffentlichen Hand GmbH“. Er berät Bund, Länder und Kommunen und forscht außerdem am Karlsruher Institut für Technologie zu Manipulation und Einflussnahme im Internet.
Interview: Anja Schreiber
WILA Arbeitsmarkt: Sie befassen sich intensiv damit, wie Behörden und Verwaltungen mit Desinformation umgehen können. Was genau ist eine Desinformation?
Louis Jarvers: Desinformation wird standardmäßig definiert als falsche oder irreführende Informationen, die absichtsvoll und schadhaft verbreitet werden. Die Absicht bei der Verbreitung unterscheidet sie von der Fehl- oder Misinformation. Der Schaden bei Desinformation kann wirtschaftlich sein – in vielen Fällen steht aber die gesellschaftliche oder politische Schadwirkung im Vordergrund.
Desinformation tritt in unterschiedlichen Farben und Formen auf: Das fängt bei der gezielt verbreiteten Lüge oder Falschinformation an, wo über Gerüchte oder falsche Tatsachenbehauptungen versucht wird, den öffentlichen Diskurs in die eine oder andere Richtung zu manipulieren. Wir beobachten aber auch subtilere Wege. Das können zum Beispiel gefälschte oder aus dem Kontext genommene Bilder und Videos sein, bei denen über psychologische Verzerrungen versucht wird, Debatten zu emotionalisieren oder zu polarisieren. Desinformation beobachten wir ebenso in Form von komplett gefälschten Webseiten, die von KI generiert werden, um falsche Informationen zu streuen.
Welche Beispiele für Desinformation gibt es auf der kommunalen Ebene?
Das können zum Beispiel falsche Fakten bei der Auslobung eines Windkraftparks oder eines Naturparks sein. Es kann sich also um Naturschutzfragen handeln, die einen ganz konkreten örtlichen Bezug haben. Es geht bis zu verkehrspolitischen Themen, die auch sehr engagiert diskutiert werden, oder politisch aufgeladenen Themen wie Migration und die Unterbringung von geflüchteten Menschen. Desinformation ist es immer dann, wenn falsche oder irreführende Informationen absichtlich und schadhaft verbreitet werden.
Wichtig ist mir bei diesem Thema der Hinweis auf die Meinungsfreiheit: Öffentliche Debatten sind integraler Bestandteil der demokratischen Willensbildung und müssen das auch bleiben. Ganz vieles, was an emotionaler und vielleicht auch polarisierender Kommunikation stattfindet, ist keine Desinformation, sondern Teil des demokratischen Diskurses. Und diesen gilt es zu schützen – nämlich vor den illegitimen Einflussversuchen, die verdeckt versuchen, Fakten zu verzerren und Schaden anzurichten. Genau das muss die Verwaltung einschätzen können und sich fragen: Gibt es Anzeichen, dass mit Hilfe von Informationsmanipulationen eine Debatte verstärkt, verzerrt oder verschoben wird?
Was ist die Herausforderung für die kommunale Verwaltung im Allgemeinen und deren Öffentlichkeitsarbeit im Besonderen, wenn es um Desinformation geht?
Wir beobachten öfter, dass die öffentliche Verwaltung zunächst gar nicht weiß, mit was sie im digitalen Raum konfrontiert ist. Ist das zum Beispiel eine normale ‚Zeitungsente‘, bei der jemand versehentlich etwas Falsches platziert hat, oder ist das Teil einer schadhaften und gesteuerten Einflusskampagne? Diese Einschätzung, wie kritisch die falsche Information ist, ist einer der herausforderndsten Schritte, der noch weit vor einer möglichen Reaktion kommt.
Wie können sich Mitarbeiter*innen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit vorbereiten?
Vorbereitung bedeutet, dass ich sogenannte ‚Detektionsfähigkeiten‘ aufbaue. Das ist das Wissen und die Fähigkeit darüber, wie ich auf Online-Inhalte – zum Beispiel in den sozialen Medien – zugreife. Ich muss mir aber auch eine Bewertung zutrauen können.
Zu den Detektionsfähigkeiten gehört es auch, die anderen kommunizierenden Akteur*innen zu kennen. Das ist eine Riesenherausforderung! Denn die Pflege eines Instagram-Accounts einer Stadtverwaltung, an den sich Bürger*innen mit Fragen wenden können, ist etwas anderes als digitale Debatten zu beleuchten und ihre Kritikalität zu bewerten. Dafür brauche ich auch Unterstützung in meiner eigenen Behörde. Allerdings haben die meisten Kommunen – so unsere Einschätzung – diese Fähigkeiten noch nicht. Die finden sich eher auf Landes- und Bundesebene. Kommunale Pressestellen können diese aber kontaktieren und sich Unterstützung holen – in einer konkreten Einsatzlage zum Beispiel beim Technischen Hilfswerk mit seinem Virtual Operations Support Team (VOST). Bei Schadenslagen sammelt und verifiziert es digitale Informationen und fungiert ebenfalls als ein möglicher Ansprechpartner für den digitalen Raum.
Mit welchen Konzepten und Tools können sich Mitarbeiter*innen von Pressestellen auf den Ernstfall vorbereiten?
Vorgefertigte Konzepte gibt es nur zum Teil, weil es kein ‚Schema F‘ gibt. Am besten ist es, wenn sich eine Organisationseinheit einer Behörde, also zum Beispiel die Öffentlichkeitsarbeit, mit dem Thema vorab auseinandersetzt und nach entsprechenden Informationen sucht. Es gibt zum Beispiel einen Leitfaden ‚Sicherer Umgang mit Desinformation‘ der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft oder auch unseren Quick-Check, den wir unserer Studie ‚Desinformation in der Verwaltung‘ beigefügt haben. Aber das sind nur Puzzlestücke.
Viel wichtiger ist die organisatorische Verankerung in der Verwaltung. Jemand muss zuständig sein, der sich einarbeitet und zum Beispiel herausfindet, an wen er sich in seinem Bundesland im Falle einer Desinformationskampagne wenden kann. Diese Person sollte auch entsprechende Newsletter abonniert haben und informiert bleiben. Das klingt nach viel – in der Praxis ist das aber keine Vollzeitstelle, sondern ein Nebenamt, das sich gut mit anderen Tätigkeiten kombinieren lässt.
Welche digitalen Kompetenzen braucht so eine Fachkraft?
Sie braucht ein gewisses Verständnis und eine Vertrautheit mit dem digitalen Raum – also mit Sozialen Netzwerken und dem Internet – um zu verstehen, wie dieser Informationsraum tickt. Dabei geht es in der Regel erstmal um das Verstehen von Grundbegriffen. Also was ist ein Post, ein Like oder ein Share, aber auch ein Account oder ein Follower.
Daneben gibt es noch deutlich spezifischeres Wissen im Bereich der Internetrecherche. Da sprechen wir von sogenannten OSINT-Fähigkeiten. OSINT steht für Open Source Intelligence. Es geht bei dieser Methode um die Informationsgewinnung und -analyse aus frei verfügbaren Quellen, die zum Beispiel auch Investigativjournalist*innen benutzen. Es gibt klassische Weiterbildungsprogramme, die solche Grundlagen vermitteln, aber auch gute Videos und Blogs sowie Schulungs- und Austauschangebote von Behörden, die in diesem Bereich sehr versiert sind. Wir als Beratungsunternehmen für Bund, Länder und Kommunen bieten ebenfalls Schulungen an.
Wie sollten Mitarbeiter*innen mit einer konkreten Desinformation umgehen?
Eine einzelne Meldung ist in der Regel kein Anlass zur Sorge. Bei einem einzelnen Informationsschnipsel von Desinformation zu sprechen, wäre verkürzt. Wenn sich aber der Verdacht erhärtet, ist es wichtig, dass ich nach ähnlichen Inhalten und vielleicht auch ähnlichen Formulierungen suche. Denn Desinformation ist nicht ein einzelnes Puzzleteil, sondern eine systematisch verbreitete Information von meist mehreren Akteur*innen.
In der Detektion schaue ich dann: Sind das wiederkehrende Informationen? Wird ein inhaltsgleicher Schnipsel in anderen Worten wiedergegeben? Was sind die Narrative dahinter? Sobald ich in der weiteren Analyse eine gewisse Koordinierung oder Steuerung vermute, sollte ich darauf achten, ob die Accounts, von denen das ausgeht, kurzfristig angelegt wurden und auch sonst nicht besonders authentisch wirken. Dann interessiere ich mich dafür, wer dahinterstecken kann. Noch wichtiger ist aber die Frage nach einer sinnvollen Reaktion.
Und wie kann die aussehen?
Idealerweise habe ich mir bereits vorher überlegt, in welchem Schadensszenario ich wie reagiere. Das ist wesentlicher Kern von guter Reaktion als Teil strategischer Kommunikation und verhindert Aktionismus und Panik. Wenn ich also etwas Relevantes gefunden, analysiert, aufbereitet und eine Kritikalität festgestellt habe, überlege ich, welche mir zur Verfügung stehenden Reaktionsmaßnahmen sinnvoll sind. Das bedeutet nicht, dass ich zwingend kommunizieren muss. Denn es kann auch sein, dass ich mit einer Richtigstellung den Sachverhalt viel größer mache als er ist.
Neben der ‚Nichtkommunikation‘ gibt es weitere unterschiedliche Kommunikationsmöglichkeiten: Wir unterscheiden in der Regel zwischen ‚Prebunking‘ und ‚Debunking‘. Das Prebunking bedeutet, einer Eskalation mit einer einordnenden Kommunikation zuvorzukommen. Ist der Schadensfall jedoch bereits eingetreten, dann ist man im Bereich des Debunkings, also der Richtigstellung und Schadensbegrenzung. Sowohl für das Prebunking als auch für das Debunking gibt es einen ganzen Werkzeugkasten an Kommunikationsmöglichkeiten, etwa ein eigener Beitrag in den sozialen Netzwerken, eine klassische Pressemitteilung oder eine Pressekonferenz. Am Ende solcher Maßnahmen sollte immer eine Evaluation stehen, um daraus zu lernen und sich für die nächste Herausforderung im digitalen Raum besser aufstellen zu können.
Weitere Informationen zu „Desinformation in der Verwaltung begegnen“:
- PD – Berater der öffentlichen Hand GmbH: Desinformation in der Verwaltung – Falschinformationen bei der behördlichen Internetarbeit im Quick-Check erkennen
- Technisches Hilfswerk: Virtual Operations Support Team (VOST)
- Vereinigung der bayerischen Wirtschaft e.V. (vbw): Sicherer Umgang mit Desinformation
- Kostenloser Selbstlernkurs der Virtuellen Hochschule Bayern (Open vhb) zu OSINT, Fake News und Desinformation
- Podcast zum Thema OSINT (auch für Einsteiger*innen)
