Eine Frau mit langen Haaren sitzt an einem Schreibtisch und macht sich handschriftliche Notizen in ein großes Buch. Das Bild ist KI-generiert.
Als Psycholog*in in den Justizvollzug wechseln? Das ist gut möglich und kann auch für akademische Fachkräfte etwa aus der Sozialen Arbeit ein spannendes Berufsfeld sein. Bild: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Arbeiten im Justizvollzug

Neben den Justizvollzugsbeamt*innen und Jurist*innen sind noch andere Fachkräfte in einer JVA tätig – insbesondere aus den Bereichen Soziale Arbeit, Psychologie und Pädagogik. Darüber berichtet Marcus Hegele, Leiter der JVA Straubing.

Text: Christine Lendt

Justizvollzug bedeutet insbesondere, straffällig gewordene Menschen auf das Leben nach der Haft vorzubereiten. Deswegen gehören zu einer JVA in der Regel – neben der Anstaltsleitung und dem Allgemeinen Vollzugsdienst – auch die Fachdienste. In diesen wiederum arbeiten Akademiker*innen aus den Bereichen Psychologie, Soziale Arbeit, Pädagogik, Seelsorge und Medizin eng zusammen.

Wie dies konkret in der Praxis aussehen kann, weiß Marcus Hegele. Er begann seine Karriere – nach einer kurzen Tätigkeit als Journalist – im Jahr 1999 als juristischer Mitarbeiter im Strafvollzug. Von 2022 bis 2024 leitete er die JVA Regensburg. Seit Oktober 2024 ist er Leiter der JVA Straubing und der zugehörigen JVA Passau, wo er aktuell auch den Bau einer neuen Anstalt mit 450 Haftplätzen verantwortet.

Weil in seiner Position vor allem Personalführung und Management eine Rolle spielen, gehört interdisziplinäres Arbeiten mit den Fachbereichen für ihn zum Alltag – etwa, wenn es um ein Gutachten zur vorzeitigen Entlassung eines Gefangenen geht. „Hier fließt auch die Einschätzung unseres psychologischen Dienstes mit ein. Das bedeutet, wir Juristen müssen uns vor unserem Beschluss mit den Kolleginnen und Kollegen aus diesem Bereich auseinandersetzen“, erklärt der 53-Jährige. „Also müssen wir uns gegenseitig in die fachlichen Hintergründe hineinversetzen können und voneinander lernen. Dies ist das Faszinierende an diesem Tätigkeitsfeld.“

Mit Psychologie in den Strafvollzug

Die sozialtherapeutischen Abteilungen in einer Justizvollzugsanstalt können unterschiedlich ausgerichtet sein. An der JVA Straubing, wo besonders viele Schwerkriminelle einsitzen, sind es zwei Abteilungen – eine für Gewaltstraftäter, eine für Sexualstraftäter. Geleitet werden diese Abteilungen von Psycholog*innen mit therapeutischer Ausbildung.

Unabhängig davon, gibt es weitere Tätigkeiten für diese akademischen Fachkräfte, etwa als Hauspsycholog*innen einer JVA. Was das bedeuten kann, zeigt die Stellenausschreibung der Justizvollzugsanstalt St. Georgen-Bayreuth, die „zwei Psychologen / Psychologinnen (Diplom univ. oder M. Sc.) m/w/d“ suchte. Deren Aufgaben: Diagnostik und Prognostik, Krisenintervention, psychologischen Beratung, Mitwirkung bei der Behandlungsuntersuchung und der Aus-/Fortbildung des Personals. Stellenanzeigen wie diese sind in der Regel auf den Websites der jeweiligen Landesjustizen ausgeschrieben, nicht in regulären Jobbörsen.

Auch der Weg in eine übergeordnete Führungsposition ist mit einem Hochschulabschluss in Psychologie möglich. So wird beispielsweise die JVA Erlangen, eine Sozialtherapeutische Anstalt, von einer Psychologin geleitet. In der Regel wird die Position der JVA-Leitung jedoch von Jurist*innen besetzt.

Beamt*in werden im Justizvollzug

Generell bestehen für juristische Mitarbeiter*innen verschiedene Aufstiegsmöglichkeiten zur Abteilungsleitung für abgegrenzte Bereiche der Anstalt. Sie sind dann zum Beispiel für Unterkunftsgebäude, den offenen Vollzug oder die Sicherungsverwahrung verantwortlich.

Alle, die in der Anstaltsleitung agieren, müssen sich mit verschiedenen juristischen Angelegenheiten auskennen, etwa der Bearbeitung von Anträgen auf gerichtliche Entscheidungen nach dem Strafvollzugsgesetz. Allein zirka 1.000 pro Jahr sind es in Straubing. Auch geht es um Entscheidungen wie die Beurteilung von Schadensersatzforderungen oder Lockerungen für Gefangene, beispielsweise bezüglich ihres Ausgangs. Sobald es Leitungsfunktionen betrifft, ist die berufliche Tätigkeit im Justizvollzug mit einer Verbeamtung verbunden, meist auf der vierten oder auch der dritten Qualifikationsebene.

Soziale Arbeit im Justizvollzug

Stark in den JVA vertreten sind außerdem akademische Fachkräfte aus dem Bereich Soziale Arbeit beziehungsweise Sozialpädagogik. Teils sind sie in den sozialtherapeutischen Abteilungen zu finden, teils übernehmen sie aber auch völlig andere Aufgaben. Sie decken damit eine große Bandbreite an Tätigkeitsfeldern ab, wie Marcus Hegele am Beispiel Straubing erläutert. „Wir haben eine Sozialpädagogin im Team, die sogar als Vollzugsinspektorin arbeitet. Das heißt, diese verbeamtete Kollegin nimmt entsprechende Verwaltungstätigkeiten wahr. Zugleich ist sie aber auch unsere Beauftragte für Suizidprophylaxe.“

Hilfe zur Selbsthilfe, so laute das übergeordnete Prinzip bei allen therapeutisch-psychologischen und sozialpädagogischen Tätigkeiten in einer Justizvollzugsanstalt. „Im Langstrafenvollzug etwa muss eine inhaftierte Person mehrere Jahre lang gezielt auf die Entlassung vorbereitet und entsprechend betreut werden. Da gilt es Kontakte zu Übergangseinrichtungen und zur Bewährungshilfe aufzubauen“, erklärt Marcus Hegele. „Auch Gruppenangebote wie ein Anti-Gewalt-Training werden von Sozialpädagogen durchgeführt.“

Erwachsenenbildung: Job im Justizvollzug

Auch Lehrkräfte wirken an der Resozialisierung der Gefangenen mit, denn die JVAs betreiben eigene Schulen. Konkret ist in Straubing vom Alphabetisierungskurs bis zum qualifizierenden Mittelschulabschluss vieles möglich. Für Pädagog*innen, die von allgemeinbildenden Schulen kommen, kann dies durchaus eine Herausforderung bedeuten, wie der Anstaltsleiter berichtet. „Schließlich geht es hier nun um Erwachsenenbildung, obendrein für Menschen, die aus guten Gründen inhaftiert sind und oft Defizite mitbringen.“ Deswegen lautet das Schlüsselwort auch hier: Interdisziplinarität. Alle an einer JVA tätigen Berufsgruppen müssen sich mit den rechtlichen und psychologischen Aspekten des Vollzugs auseinandersetzen und ein Verständnis dafür entwickeln.

Umso spannender und erfüllender gestaltet sich dieses Aufgabenfeld für alle, denen dies gelingt. „Deswegen habe ich es auch nie bereut, als Jurist in den Strafvollzug gegangen zu sein“, sagt Marcus Hegele. „Hier geht es um weit mehr als nur mit Gesetzen zu arbeiten. Man arbeitet mit Menschen und gelangt sehr schnell in eine verantwortungsvolle Position.“

Herausforderungen im Justizvollzug

Die Tätigkeit im Justizvollzug ist geprägt von einer Ambivalenz: Es geht darum, sich abgrenzen zu können und trotzdem ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. „Ob Juristen, Psychologen, Sozialpädagogen, Lehrer oder Seelsorger: Wir alle arbeiten mit dem Menschen, der hinter der Tat steckt. Die Tat ist ein Teil seiner Persönlichkeit und aufgrund dieser Tat ist er oder sie bei uns“, beschreibt es Marcus Hegele. „Diese Person trotzdem als Mensch wahrzunehmen, die Tat einerseits auszublenden, andererseits aber mit ihr und ihren Folgen professionell umzugehen – das ist eine besondere Herausforderung.“

Um dafür ausgerüstet zu sein, werden regelmäßig Schulungen für die Mitarbeiter*innen durchgeführt, etwa zum Nähe-Distanz-Verhältnis und zum Thema Selbstschutz. „Übergriffe sind Gott sei Dank sehr seltene Einzelfälle“, ergänzt Marcus Hegele. „Aber wir legen natürlich auch ein Augenmerk darauf, dass wir für alle Fachgruppen immer wieder Fortbildungen in waffenloser Selbstverteidigung anbieten, um ein Rüstzeug für alle Fälle zu haben und auch, weil dies generell das Selbstbewusstsein im Umgang mit den Inhaftierten steigert.“

Berufseinstieg in den Justizvollzug

Insgesamt gibt es in Deutschland 172 Justizvollzugsanstalten als Organe der staatlichen Exekutive. Die JVA unterstehen den jeweiligen Landesjustizministerien. Auf deren Homepages können Interessierte Infos zur Bewerbung, den Tätigkeitsfeldern und ausgeschriebene Stellen finden.

Bei diesem besonderen Arbeitgeber kommt auch der Quereinstieg infrage: So hat Marcus Hegele Kolleg*innen, die Berufserfahrung aus verwandten Bereichen mitbringen, weil sie zuvor zum Beispiel als Jurist*innen in der Anwaltschaft oder als Sozialpädagog*innen in einem Jugendamt gearbeitet haben. Auch Studienabsolvent*innen frisch von der Hochschule sind dabei. Möglich macht es eine gründliche Einarbeitung mit einem Tutorensystem, kombiniert mit zusätzlichen internen Möglichkeiten, sich weiterzubilden.

Das Fazit von Marcus Hegele? „Auch nach 27 Jahren Berufserfahrung im Justizvollzug kann mir im Bereich der Juristerei nichts Spannenderes vorstellen. Ähnliches höre ich auch, wenn ich mich mit unseren anderen Berufsgruppen austausche, mit denen ich tagtäglich zu tun habe.“

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