Ein Graduiertenhut liegt auf dem Tisch.
Der Promotionshut ist in Deutschland für gewöhnlich nicht gängig. Bild: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Berufseinstieg nach Promotion

Im Jahr 2024 zählten deutsche Hochschulen 212.400 Promovierende. Doch wo führt der Weg dieser Fachkräfte hin, wenn der Doktorgrad erreicht ist? Wir blicken auf die Optionen.

Text: Anja Schreiber

Die Arbeit ist abgegeben, die Abschlussfeier vergangen und in jeder Adressleiste das Kürzel „Dr.“ gesetzt. Und dann? So manchen Fachkräften mit dem neu erreichten Titel ist nicht klar, wie es weiter geht, wenn sie die große Leistung der Promotion beendet haben – denn nur wenige führen anschließend in eine Anstellung an der Hochschule. „Sie haben oft Freude am wissenschaftlichen Arbeiten, aber keine konkreten Berufsziele“, erklärt Dr. Angela Siebold. Die Heidelbergerin bietet Coaching für akademische Berufswege an und berät Fachkräfte während und nach der Promotion.

Nach der Promotion: zwei Wege

Für jene Akademiker*innen, die eine Karriere an der Hochschule anstreben, ist der Weg nach der Promotion zumindest in der Theorie klar: Sie kümmern sich eine Anschlusstätigkeit als Postdoc, um gezielt an ihrer weiteren wissenschaftlichen Qualifikation zu arbeiten. Angela Siebold weiß, worauf es dabei ankommt: „Wer eine Habilitation anstrebt, sollte darauf achten, dass er eine Postdoc-Stelle sucht, mit der dies auch möglich ist.“

Allerdings sind laut National Academics Panel Study (Nacaps) 2024 gerade mal 14 Prozent der Befragten an einer Karriere an der Hochschule interessiert. Doktorand*innen, die ein anderes berufliches Ziel verfolgen, werden nach der Promotion von der Orientierungslosigkeit eingeholt. Verständlicherweise. „Es ist legitim, dass sich Promovierende auf die Forschung konzentrieren“, sagt Angela Siebold. Schließlich würde in der wissenschaftlichen Community erwartet, dass man ganz und gar in der Forschung aufgehe. Mitunter sei es sogar ein Tabu, sich mit dem Berufseinstieg außerhalb der Wissenschaft zu befassen. Zudem hätten viele in der Promotionsphase kaum oder gar keine zeitlichen Ressourcen dafür.

Für Promovierte ist der Berufseinstieg außerhalb der Hochschule besonders herausfordernd. „Formal sind sie oft überqualifiziert, haben aber aufgrund mangelnder praktischer Arbeitserfahrung keinen Anspruch auf eine Führungsposition“, erklärt Angela Siebold. Trotzdem müssten sie sich keine Sorgen um ihre Zukunft machen, so Angela Siebold. Sie verweist auf aktuelle Zahlen: Laut dem “Bundesbericht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer frühen Karrierephase 2025 (BuWiK)” liegt die Arbeitslosigkeit von Fachkräften mit Doktortitel ab dem dritten bis zum siebten Jahr nach der Promotion kontinuierlich bei etwa ein bis zwei Prozent.

Nach der Promotion: Jobsuche

Die Coachin weiß, welche Rolle Selbstreflexion beim Übergang zwischen Promotion und nachfolgender Stelle spielt. Fachkräfte mit Doktortitel und Berufsziel außerhalb der Hochschule sollten daher zunächst den Markt erkunden. Welche Branchen gibt es und interessieren mich? Bei welchen Unternehmen sind andere Alumni mit ähnlicher Qualifikation untergekommen? Mit welchen Institutionen und Unternehmen konnte ich während der Promotionsphase Kontakte knüpfen?

Um sich passgenau bewerben zu können, müssen Fachkräfte relativ genau wissen, was ihr Zielmarkt ist. Nur dann können sie ihre vielfältigen Fähigkeiten sortieren und den jeweiligen Nutzen für die freie Wirtschaft herausstellen. Das kann vom Umgang mit diversen Content-Management-Systemen über den Umgang mit multimedialen Lerntools für die Vorlesung bis hin zu Finanzverwaltung von Forschungsprojekten und der Publikation von Büchern reichen. Die eigene Forschung kann ebenfalls Hinweise auf künftige Arbeitgeber*innen geben: „Promovierte sollten sich fragen, welche übergeordneten Erkenntnisse sich zum Beispiel im Abschlusskapitel ihrer Dissertation finden und für welche Berufsfelder diese interessant und relevant sind”, rät Angela Siebold.

Netzwerk breit denken

Angela Siebold empfiehlt, in der Zeit der Orientierung ganz bewusst den Blick zu weiten und sich ein Netzwerk aufzubauen. Außerdem sollten promovierte Fachkräfte Beratungs- und Coaching-Angebote nutzen, wie etwa den Career Service der Hochschule, an der man promoviert hat. Auch Graduiertenkollegs und Stiftungen bieten beispielsweise Veranstaltungen rund um das Thema Berufseinstieg an. Übrigens: Hat man den Berufseinstieg außerhalb der Hochschule erst einmal gemeistert, macht die Promotion in vielen Branchen den Weg für Leitungspositionen frei, beispielsweise in Kultureinrichtungen oder Behörden.

Neben dem Direkteinstieg auf eine konkrete Stelle sieht Angela Siebold auch in einer Hospitanz oder einem Traineeship Chancen. „Allerdings sollte man genau wissen, warum man das macht und nicht wahllos so etwas machen, nur um Berufserfahrung zu sammeln“, erklärt die Coachin. Vor einem unterbezahlten Lehrauftrag rät sie ab: „Niemand sollte sich unter Wert verkaufen.“ Auch vor zu viel Aktivismus warnt Angela Siebold. Entscheidend sei immer die Zielrichtung.

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