Akademische Allrounder (Teil 2): Die Jobsuche
Die Jobsuche für Generalist*innen ist von vielen Möglichkeiten geprägt – man muss sie aber erkennen. Foto: WILA Arbeitsmarkt/Leonardo.Ai

Akademische Allrounder (Teil 2): Die Jobsuche

Generalist*in klingt nach „Vieles können, aber nichts richtig gut“. Aber stimmt das? In Teil 2 des Artikels “Akademische Allrounder” geht es darum, wie Generalist*innen ihre Fähigkeiten gewinnbringend für die Jobsuche einsetzen.

Text: Daniela Obermeyer

Wieder mal „Null Treffer“, wenn man „Germanist*in“ oder „Philosoph*in“ in eine x-beliebige Jobbörse eingegeben hat? Gibt es wirklich keinen Arbeitgeber, der eine*n Geisteswissenschaftler*in dieser oder ähnlicher Fachrichtungen braucht? Tatsächlich schauen sich wohl die meisten Unternehmen nicht gezielt nach einer Fachkraft mit einem Hochschulabschluss in Neuere deutsche Literaturwissenschaft oder Philosophie um. Deren vielfältigen Kompetenzen und Fähigkeiten jedoch sind durchaus gefragt auf dem Arbeitsmarkt! So suchte beispielsweise die Penguin Random House Verlagsgruppe eine*n „PR-Referent*in (m/w/d) Belletristik“. Gewünschte akademische Ausbildung: abgeschlossenes Hochschulstudium, ohne Angabe einer spezifischen Fachrichtung. Viel wichtiger ist dem zukünftigen Arbeitgeber stattdessen: Erfahrung in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in einem Publikumsverlag, Kenntnisse der deutschen Medienlandschaft, Social-Media-Know-how, souveränes Auftreten und Organisationfähigkeit. Und es gibt noch viele weitere Beispiele, sogar auf Führungsebene. So hatte etwa die Volkshochschule München die Stelle des oder der Programmdirektor*in zu vergeben, welche unter anderem ein abgeschlossenes Studium der Sozialwissenschaften oder einer Geisteswissenschaft – ohne genauere Spezifikation – voraussetzte.

Für eine erfolgversprechende Bewerbung ist deswegen folgendes Vorgehen sinnvoll: „Als Generalist*in muss ich mich bei der Jobsuche fast immer von meinem Fach lösen.“ Diesen Tipp hat Krischan Ostenrath, Chefredakteur des WILA Arbeitsmarkt, parat. Auch in seinen Vorträgen an Hochschulen zum Thema „Berufseinstieg für Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen“ weist er darauf hin. „Statt die formale Qualifikation in den Vordergrund zu stellen – beispielsweise den Masterabschluss in Politologie – sollte man drei wesentlichen Fragen nachgehen: Was kann ich? Was will ich? Was gibt es für mich?“

Kompetenzen zusammenfassen

Bei der Antwort auf die erste Frage nach den konkreten Qualifikationen und Kompetenzen tun sich berufserfahrene Generalist*innen leichter. Sie können zusätzlich zu den Fähigkeiten aus dem Studium Kenntnisse aus ihrem bisherigen Job anbringen. Berufseinsteiger*innen beziehen sich hier in erster Linie auf Erfahrungen aus ihrem Studium. So kann etwa ein*e Absolvent*in der Soziologie mit Sicherheit nachweisen, dass sie oder er Wissen in empirischer Sozialforschung und Statistik gesammelt hat. Die Teilnahme oder Organisation von Konferenzen belegt etwa Organisationsfähigkeit, das Talent zum Netzwerken oder Präsentieren. Auch ehrenamtliches Engagement im Studium – etwa als Tutor*in oder in der Fachschaft – oder außerhalb kann als Beleg für Qualifikationen dienen. Im ersten Teil dieses Artikels „Akademische Allrounder (Teil 1): Die starken Seiten“ sind etliche Beispiele genannt, wie Geisteswissenschaftler*innen ihre Stärken identifizieren und benennen können.

Doch egal ob Berufseinstieg oder Jobwechsel: Genauso wichtig ist die ehrliche Beantwortung der zweiten Frage „Was will ich?“ Um beim Beispiel zu bleiben: Möchte ich als Politolog*in in der Erwachsenenbildung arbeiten, an der Hochschule forschen oder als Referent*in bei einer internationalen Organisation tätig sein? Hier geht es darum, die zukünftige, gewünschte Tätigkeit für sich genauer zu definieren. Und dabei darf ruhig auch ein bisschen Wunschkonzert dabei sein.

Diese grobe Sondierung hilft in einem dritten Schritt bei der Suche nach konkreten Stellen etwa als Dozent*in, PR-Referent*in Projektkoordinator*in. Und das wiederum beantwortet die dritte Frage „Was gibt es für mich?“. Konkret: Welche Arbeitgeber suchen das, was ich biete?

Stellenangebote analysieren

Haben generalistische Fachkräfte passende Stellen gefunden, geht es nun darum, den zukünftigen Arbeitgeber von sich zu überzeugen. Das funktioniert am besten, indem man die Arbeitgeberbrille aufsetzt und sich sichtbar macht. „Unternehmen suchen neue Mitarbeiter*innen, weil diese ein bestimmtes ‚Problem‘ für sie beheben, eine spezielle Aufgabe erfüllen sollen. Wenn ich als Bewerber*in glaube, dass ich das kann, sollte ich mich als genau diese*r Problemlöser*in präsentieren“, so Krischan Ostenrath.

Um ein Gespür dafür zu bekommen, was Arbeitgeber in der Wunsch-Branche brauchen und suchen, empfiehlt es sich, immer wieder Stellenanzeigen aus dem Bereich zu analysieren, unabhängig davon, ob man bei dem Unternehmen arbeiten möchte oder nicht. Hierzu empfiehlt sich unter anderem die Stellen-Datenbank des WILA Arbeitsmarkt, die sich gezielt an Generalist*innen aus den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie dem Umwelt- und Naturschutz richtet. Die Jobangebote dort sind zudem gefiltert nach acht verschiedenen Tätigkeitsbereichen: Bildung, Kommunikation, Kunst und Kultur, Soziales und Psychologie, Umwelt- und Naturschutz sowie Wissenschaft und Forschung. Zwei Tätigkeitsbereiche haben einen noch stärkeren, generalistischen Fokus, nämlich „Querschnittstellen“ und „Über den Tellerrand“. So kommen die Jobsuchenden womöglich auch auf Berufsfelder, die sie bislang noch gar nicht auf dem Schirm hatten.

Nun gilt es die Stellenanzeigen genauer unter die Lupe zu nehmen. Ist dort zum Beispiel häufig von „Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Kulturen“ die Rede? Das könnte man unter Umständen mit einer Au-Pair-Tätigkeit, einem Studien- oder Forschungsaufenthalt im Ausland oder mit der Organisation einer Konferenz mit internationalen Gästen belegen. Stößt man bei der Analyse häufiger auf eine Kompetenz, die man (noch) nicht mitbringt, kann das der Anstoß für eine entsprechende Weiterbildung sein, von einer bestimmten Fremdsprache über Social-Media-Kenntnisse bis hin zu Erfahrungen in Budgetplanung.

Initiativbewerbung und Weiterbildung

Sich noch stärker in den potenziellen Arbeitgeber hindenken, müssen Fachkräfte, die sich initiativ bewerben. Denn sie müssen dem Unternehmen erst einmal klar machen, dass diese einen bestimmten Bedarf haben, den die oder der Bewerber*in decken könnte. Dabei kann es hilfreich sein, sich über die Entwicklung des Unternehmens auf dessen Website oder in den Medien zu informieren. Hat die Organisation etwa einen großen Fördertopf für sich gewinnen können oder ist geplant, einen bestimmten Tätigkeitszweig auszubauen? Oder verstärkt das Unternehmen seine Auslandstätigkeit, woraus sich ein gesteigerter Bedarf an sprachlich und kulturell qualifizierten Mitarbeitenden ergeben könnte?

Nicht vergessen dürfen Generalist*innen bei der Stellensuche den verdeckten Arbeitsmarkt: Angeblich soll dieser Stellenmarkt doppelt, wenn nicht sogar dreifach so groß sein wie der mit den regulär ausgeschriebenen Stellen. Deswegen gilt: Augen und Ohren offenhalten auf Jobmessen und Konferenzen, in Netzwerken und im Bekanntenkreis.

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