Eine Frau und ein Mann stehen an einem Filmset vor einer Kamera.
Eine Regisseurin gibt Anweisungen am Set: Bei der Gleichstellung im Kulturbereich ist laut einer Studie noch Luft nach oben. Foto: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien

Der Deutsche Kulturrat hat eine Studie zum Thema Geschlechtergerechtigkeit vorgelegt: Wie ist der aktuelle Stand für Frauen in Kultur und Medien? Wo ist Luft nach oben? Und was heißt das für Fach- und Führungskräfte in der Branche?

Rezension: Elisabeth Werder

Der Titel der Publikation klingt erst einmal positiv: „Es geht voran. Sachstand Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien“. Die Veröffentlichung knüpft an frühere Berichte an und ist Teil einer längerfristigen Berichterstattung des Kulturrates, die politische Entscheidungsprozesse begleiten soll. So wurde bereits vor knapp zehn Jahren eine erste Bestandsaufnahme zu dem Thema gemacht. Die neue Publikation von 2025 nimmt für sich in Anspruch, nach vielen Jahren intensiver Debatten um Gleichstellung im Kulturbereich einen aktuellen Zwischenstand zu ziehen.

Der Band versammelt 38 Autor*innen aus Kulturpolitik, Wissenschaft, Verbänden und Verwaltung. Er ist als Sammelwerk angelegt und gliedert sich in mehrere größere Themenfelder, von denen vor allem der Teil „Arbeiten in der Kultur“ einen Blick auf die gelebte Praxis wirft.

Zu Beginn legen die beiden Herausgeber*innen Gabriele Schulz und Olaf Zimmermann dar – beide in der Geschäftsführung des Kulturrats – dass es zwar nach wie vor Handlungsbedarf gibt, wohl aber seit der Veröffentlichung der Studie „Frauen in Kultur und Medien“ 2016 Veränderungen erkennbar sind: Staats-, Landes-, Zentral- und Universitätsbibliotheken werden beispielsweise inzwischen zu 47 Prozent von Frauen geleitet – ein Wert, der nahezu Parität erreicht hat.

Auch in Kunst- und Fachmuseen ist ein Anstieg auf rund 40 Prozent Leitungsanteil zu verzeichnen. Deutlich schwieriger bleibt die Situation jedoch im Bereich Musiktheater: Intendanzen sind weiterhin überwiegend männlich besetzt, und unter den Generalmusikdirektionen sind Frauen „mit der Lupe“ zu suchen. Diese Zahlen zeigen, dass Fortschritt keineswegs linear verläuft, sondern an tief verankerte Traditionslinien rührt.

Arbeiten in der Kultur und Familie: Schwierige Vereinbarkeit

Im Kapitel „Arbeiten in der Kultur“ wird deutlich, wie stark strukturelle Faktoren berufliche Chancen prägen. Dazu gehört zum Beispiel das Besetzungsverfahren von Leitungsstellen, welches in der Praxis häufig über Netzwerke und Empfehlungen, statt über transparente Ausschreibungen abläuft. Der Frauenanteil bei (General-)Intendanzen bleibt zum Beispiel über Jahre hinweg unter 20 Prozent, wie Gabriele Schulz darlegt.

Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielt eine erhebliche Rolle: Kulturelle Berufe sind häufig geprägt durch Abend-, Wochenend- und Projektarbeit. Eine permanente Präsenz, wie sie in Führungspositionen häufig erwartet wird, benachteiligt Frauen mit Care-Verpflichtungen. Der 2021 gegründete Verein „Bühnenmütter“ nimmt deshalb gezielt die Vereinbarkeit von Familie und Bühnenberuf in den Blick.

Da künstlerisches und kulturbezogenes Arbeiten häufig noch immer als Berufung statt als Erwerbsarbeit verstanden wird, verschleiert dieser Diskurs strukturelle Ausschlüsse: Prekarität erscheint als Normalzustand, wie der Bundesverband Freie Darstellende Künste betont. Das legitimiert missliche Verträge, unbezahlte Mehrarbeit und informelle Verpflichtungen – was jene benachteiligt, die auf sichere Erwerbseinkommen und klar definierte Arbeitszeiten angewiesen sind.

Mehrere Autor*innen schildern, dass Gleichstellung zwar in Leitbildern angekommen ist, jedoch erst dort Wirkung entfaltet, wo sie in Personal- und Budgetentscheidungen verankert wird. Das Mentoring-Programm des Deutschen Kulturrates „Frauen in Kultur und Medien“ gilt als positives Beispiel. Es richtet sich an Frauen mit mindestens zehn Jahren Berufserfahrung, die eine Führungsposition anstreben. In den bisher sieben durchgeführten Runden hat es messbar dazu beigetragen, Karriereschritte möglich zu machen und Netzwerke zu stärken.

An wen richtet sich die Studie?

Die Studie richtet sich vor allem an fachlich qualifizierte Beschäftigte in Kultureinrichtungen und -verwaltung, Förderinstitutionen und Verbänden – also an jene Personen, die Veränderungsprozesse gestalten, Personalentscheidungen treffen oder Programme entwickeln. Für diese Zielgruppe bietet das Buch sowohl Argumentationsgrundlagen als auch konkrete Daten und Beispiele, die in Strategieprozessen nutzbar sind. Es kann helfen, Ungleichheiten sichtbar zu machen und vorhandene Fortschritte realistisch einzuordnen, ohne in Selbstzufriedenheit zu verfallen.

Der Stil der Beiträge ist überwiegend sachlich und wissenschaftlich, aber nicht trocken. Die Autor*innen vermeiden theoretische Überfrachtung und arbeiten mit klaren Beispielanalysen und institutionellen Einblicken. Das macht den Band für die Praxis anschlussfähig. Gleichwohl hätte der Sammelband an einigen Stellen stärker synthetisieren können. Die Vielzahl der Perspektiven führt zu Wiederholungen. Zudem wäre eine abschließende zusammenfassende Einordnung am Ende des Kapitels „Arbeiten in der Kultur“ hilfreich gewesen. Auch kommt die Perspektive freiberuflich arbeitender Kulturschaffender nur am Rande vor – obwohl gerade dort Prekarität besonders sichtbar wird.

Gabriele Schulz, Olaf Zimmermann (Hrsg.): Es geht voran. Sachstand Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien. Deutscher Kulturrat e.V., Berlin, 2025, 227 Seiten, 22,80 Euro, ISBN: 978-3-947308-68-2

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