Bundesfreiwilligendienst in Teilzeit
Nationalparks sind potenzielle Orte, an denen Fachkräfte einen Bundesfreiwilligendienst in Teilzeit machen können. Foto: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Bundesfreiwilligendienst in Teilzeit

Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) ist nicht nur für Berufsanfänger*innen eine Chance, einen Tätigkeitsbereich praxisnah kennen zu lernen. Auch erfahrene Fachkräfte können den BFD nutzen, um neu anzufangen – und das sogar in Teilzeit.

Text: Christine Sommer-Guist

Was tun, wenn man Jahre lang in einem Bereich tätig ist und dann nochmal Lust hätte, etwas Neues auszuprobieren? Der Bundesfreiwilligendienst – umgangsprachlich auch Bufdi genannt – ist eine gute Gelegenheit, in neue oder verwandte Arbeitsbereiche einzutauchen. Was viele nicht wissen: Der BDF ist auch in Teilzeit möglich. Für berufstätige Fachkräfte bietet er damit eine gute Chance, ihre Expertise für die Gesellschaft einzubringen, neue Bereiche zu entdecken und die eigenen Prioritäten neu zu justieren – ohne die Erwerbsarbeit komplett  aufzugeben.

Ursprünglich sollte die Teilzeitregelung im Bundesfreiwilligendienst jungen Menschen die Flexibilität bieten, sich auch während der Ausbildung oder des Studiums in sozialen, ökologischen oder kulturellen Bereichen zu engagieren oder sich für Sport, Integration und Katastrophenschutz einzusetzen. Genutzt werden die gesetzlichen Möglichkeiten aber auch von Menschen, die bereits mitten im Berufsleben stehen und einen Blick über den Tellerrand wagen wollen. Sei es, um neue Berufswege zu finden oder um die alten besser gehen zu können. Eingeführt wurde das Gesetz 2024 und ermöglicht fortan Freiwilligendienste in Teilzeit. Diese müssen mehr als 20 Wochenstunden betragen.

Vom Schreibtisch in den Wald 

Die Idee dahinter: Freiwilliges Engagement soll gesellschaftlich verankert werden und praktische Erfahrungen, Orientierung und Teilhabe ermöglichen. „Und das ist einfach cool“, sagt Karin Bachmann, Juristin und Philosophin, die eigentlich als Journalistin arbeitet. Sie ist Mitte 50, mitten im Berufsleben und wollte ihren Job mit etwas ganz Anderem verbinden. „Ich liebe die Natur und den Harz." Seit diesem Sommer betreut sie als Bundesfreiwillige Gäste im Besucherzentrum "Torfhaus" im Nationalpark Harz. „Mir gefällt es sehr, dass ich zwei Mal pro Woche von meinem Schreibtisch in den Nationalpark fahren und etwas anderes erleben darf“, erzählt sie.

Laut "Bundesfreiwilligendienst Kultur und Bildung in Hamburg" engagieren sich in Deutschland aktuell über 100.000 Menschen im Freiwilligendienst. Dabei sei hingegen der Erwartung die Gruppe der 40- bis 50-Jährigen die Mehrheit derer, die den BFD nutzten – über die Hälfte davon in Teilzeit. Karin Bachmann ist von dem Angebot so begeistert, dass sie schon zum zweiten Mal dabei ist. „Den ersten Dienst habe ich in Stralsund, in der Umweltbibliothek gemacht. Ich arbeitete da ein halbes Jahr ehrenamtlich als sich die Gelegenheit bot, das gegen eine – wenn auch geringfügige – Bufdi-Bezahlung zu machen. Ich habe zum Beispiel den Buchbestand geordnet und ein Projekt zur Wiederbegrünung der Innenstadt begleitet.“

Ein BFD in Teilzeit für erfahrene Fachkräfte?

Ihre  Arbeit für den Nationalpark beschreibt Karin Bachmann, die unter anderem als Auslandskorrespondentin in der Slowakei und in Ungarn gearbeitet hat, folgendermaßen: „Ich zeige unseren Besucher*Innen die Ausstellung im Zentrum, mache Führungen und setze meine Sprachkenntnisse für Reisegruppen oder Übersetzungen ein.“ Außerdem entwickelt sie Ideen für das Besuchermarketing, etwa einen Entwurf für ein Outdoor Escape Game. Das alles sind Tätigkeiten, die in ihrem Hauptberuf keinen Raum haben.

Wie für Karin Bachmann kann der BFD in Teilzeit auch für andere Interessierte die Möglichkeit bieten, neue Erfahrung zu sammeln und gleichzeitig berufliche Sicherheit zu genießen. Das macht ihn eben auch für berufserfahrene Fachkräfte interessant. Sie können in fremde oder fachnahe Bereiche hineinschnuppern, Kompetenzen ausbauen und neue Netzwerke bilden. Für Personen, die eine Neuorientierung erwägen, ist das Teilzeitformat attraktiv, weil es das finanzielle Fundament der Erwerbsarbeit erhält und zugleich den psychologischen Raum öffnet, um berufliche Identität neu zu denken.

„Reich wird man damit nicht“, erklärt Karin Bachmann, „aber es werden Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung gezahlt. Vor allem gibt es Erfahrungen, neue Bekanntschaften und eine Auszeit vom Berufsalltag.“ Bundesfreiwillige bekommen ein Taschengeld augezahlt, dessen Höhe die Einsatzstelle selbst festlegen kann. Es muss allerdings für einen BFD in Teilzeit mindestens 220 Euro im Monat betragen. Außerdem kann die Einsatzstelle monatliche Zuschüsse zu Sachkosten, Verpflegung, Unterkunft und Mobilität gewähren. So kann es etwa einen Verpflegungskostenzuschuss von bis zu 333 Euro monatlich geben, Zuschüsse zur Unterkunft bis maximal 282 Euro und ein Deutschlandticket.

Einsatzbereiche und die Lernerfahrungen vor Ort

„So ganz etabliert hat sich der Teilzeit-BFD im Bewusstsein der Öffentlichkeit noch nicht“, weiß Karin Bachmann. „Auch nicht, dass viele Einrichtungen wie Museen, Stadt- und Schulbibliotheken davon leben." Tatsächlich gibt es viele Einsatzgebiete, in denen Freiwillige in Teil- und Vollzeit gesucht werden: in der Gesundheitspflege, der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen, in Kindertagesstätten, Kultur- und Bildungseinrichtungen, Naturschutz, Integration, Zivil- und Katastrophenschutz sowie Sportorganisationen. Die Träger bieten sowohl klassische Hilfstätigkeiten als auch Aufgaben mit Verantwortung an. Freiwillige lernen dabei neue Abläufe und fachliche Fertigkeiten kennen, die sie beruflich wie privat bereichern.

Broterwerb und Bundesfreiwilligendienst unter einen Hut zu bekommen, gelingt allerdings nur mit klaren Absprachen. „Ich habe mit dem Torfhaus Blockzeiten vereinbart. So ist für alle Seiten klar, wann ich wo bin“, erklärt Karin Bachmann. „Der Erfolg des BFD hängt entscheidend von einer klaren und verlässlichen Kommunikation ab.“

Absprachen mit dem oder der Arbeitgeber*in

Wie bereits erwähnt muss die Einsatzzeit bei einem BFD in Teilzeit über 20 Stunden wöchentlich liegen. Damit ist der Bundesfreiwilligendienst auch in Teilzeit eine Haupttätigkeit und muss rechtzeitig mit allen Beteiligten geklärt werden. „Es besteht kein Rechtsanspruch auf einen BFD in Teilzeit“, schreibt das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) und empfiehlt, mit Einsatzstellen zu klären, ob ein Teilzeit-BFD möglich ist. Ebenso wenig sind Arbeitgeber*innen verpflichtet, einem Teilzeit-BFD ihrer Mitarbeiter*innen zuzustimmen.

Generell sollte der oder die Arbeitgeber*in frühzeitig eingebunden werden. Es gilt klare Absprachen zu Arbeitszeiten und Bezahlung zu treffen. Wer langfristig plant, kann über ein Langzeitarbeitskonto Überstunden und Urlaubstage ansparen, um diese als Zeitguthaben einzusetzen. So bleibt das Gehalt gleich. Eine andere Möglichkeit ist, für eine vertraglich festgelegte Arbeitszeit weniger Geld zu erhalten und Gehalt anzusparen, das während des BFD weitergezahlt wird. Spontan lässt sich auch eine unbezahlte Reduzierung der Arbeitszeit umsetzen – wenn der oder die Arbeitgeber*in einverstanden ist.

Falls Unternehmen kurzfristig die Arbeitskraft benötigen, können Freiwillige den Dienst unterbrechen. Einsatzstellen sind verpflichtet, Freistellungen zu erlauben. Ob das Taschengeld dabei weitergezahlt wird, muss individuell abgesprochen werden.

Wichtig fürs Gelingen sind transparente Vereinbarungen, präzise Dokumentationen und von Anfang eine realistische Zeitplanung erstellen, um eine Überlastung zu vermeiden. Die praktische Organisation verlangt klare Absprachen und realistische Prioritätensetzung. Erfolgreiche Modelle sind:

  • feste Blockzeiten mit beispielsweise zwei Tagen pro Woche beim Einsatz und die übrige Zeit am Arbeitsplatz
  • eine geteilte Woche, in der morgens oder nachmittags Zeit für den BFD ist
  • zeitlich befristete Intensivphasen, die mit Urlaubs- oder Gleitzeitmodellen abgefedert werden.

Einen BDF in Teilzeit planen

Um den BFD dafür zu nutzen, eigene Interessen zu erkunden, empfiehlt Karin Bachmann, die Institutionen zu recherchieren und anzuschreiben, für die man gerne freiwillig arbeiten will: Viele Ideen und offene Stellen finden sich auf der offiziellen Webseite zum Freiwilligendienst des BAFzA.

Natürlich kann es erst einmal herausfordernd sein, die Erwerbsarbeit und den BFD unter einen Hut zu bringen. Aber Karin Bachmann weiß genau, warum sie ihre Zeit so verbringt: „Besonders zufrieden macht mich der Aspekt, etwas Sinnvolles zu tun, meine Selbstwirksamkeit zu erleben. Wenn ich eine Führung durch die Natur mache, sie Menschen nahebringe und direkt Feedback erhalte, fühlt sich das einfach sinnstiftend und gut an.“

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