Aus den USA nach Deutschland
Kommen nun vermehrt amerikanische und Wissenschaftler*innen aus anderen Ländern aus den USA nach Deutschland? Die Entwicklung ist noch nicht genau abzusehen. Foto: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Aus den USA nach Deutschland

Die US-Politik verändert Forschung und Lehre spürbar – mit Folgen für deutsche Wissenschaftler*innen und amerikanische Fachkräfte. Was das konkret bedeutet, erklärt Christian Strowa, Direktor der Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in New York.

Interview: Christine Lendt

WILA Arbeitsmarkt: Herr Strowa, wie ist die Lage für Wissenschaftler*innen in den USA?
Christian Strowa: Das Wissenschaftssystem der USA steht unter starkem, politisch bedingtem Druck, der sich vielfach durch disruptive Veränderungen bemerkbar macht. Durch einen umfassenden Stellenabbau im öffentlichen Bereich entstehen zahlreiche Unklarheiten –gerade für die internationalen Wissenschaftskooperationen, die uns als DAAD besonders am Herzen liegen. Das fängt bei der Beantragung und Gültigkeit von Studierenden- und Forschenden-Visa an. Auch bei der Finanzierung von Forschungsprojekten durch staatliche Drittmittel gibt es erhebliche Einschränkungen. Im Raum steht außerdem, die Besteuerung der Universitäts-Endowments – also der hier weit verbreiteten Stiftungsvermögen der Universitäten – anzuheben, und gleichzeitig die Verwaltungskosten in Drittmittelprojekten stark zu kürzen.

Damit steigt auch der Druck auf internationale Studierende, deren Studiengebühren für viele Universitäten eine wesentliche Einnahmequelle sind. Gleichzeitig müssen einige Universitäten jetzt stärker investieren, etwa in auf Einwanderung spezialisierte Juristen und in Lobbyarbeit – Geld, das dann an anderer Stelle fehlt.

Diese Unsicherheit, der besonders zugewanderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausgesetzt sind, mindert natürlich auch die Attraktivität des Forschungsstandorts USA. Zugleich bleiben die Vereinigten Staaten aber wichtigste und internationalste Forschungsstandort der Welt – das wird sich so schnell auch nicht ändern.

Kann man von einem durch die Trump-Politik bedingten Braindrain nach Deutschland sprechen?
Wir hören von einigen unserer Mitgliedshochschulen, dass die Zahl internationaler Bewerbungen auf Professuren merklich gestiegen ist. Auch die Max-Planck-Stiftung berichtet von deutlich mehr Bewerbungen von Forschenden aus den USA – nicht unbedingt mit US-Staatsbürgerschaft. Im Bereich etablierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler macht es sich bisweilen also durchaus bemerkbar. Bei Nachwuchsforschenden und Doktoranden zeichnet sich insbesondere bei den Drittstaatlerinnen und Drittstaatlern, also den Forschenden an US-Hochschulen ohne amerikanische Staatsbürgerschaft, ein wachsendes Interesse an Deutschland ab. Aber es ist noch zu früh, um daraus eine klare Tendenz abzuleiten.

Von den Professuren abgesehen: Welche Gruppen von Forschenden interessieren sich gerade stark für einen Umzug nach Deutschland?
Besonders groß ist die Unsicherheit bei Forschenden aus Drittstaaten, die mit einem Visum in den USA arbeiten und deren Stellen aus öffentlichen Mittel finanziert sind. Weil sie nicht wissen, ob beides verlängert wird, suchen viele aktiv nach Alternativen in anderen Ländern. Das ist für den Forschungsstandort Deutschland eine Chance – denn diese Forschenden haben den Schritt ins Ausland schon einmal gewagt und bringen daher Erfahrung und Mobilität mit. Das merken wir als DAAD aktuell täglich, besonders auf Fach- und Karrieremessen, auf denen wir vertreten sind, etwa im August 2025 auf der GAIN-Konferenz in Boston. Diese größte Plattform außerhalb Europas für internationale Wissenschaftskarrieren in Deutschland verzeichnete Rekordzahlen bei den Anmeldungen internationaler Forschender.

Anders ist es bei Forschenden, die in den USA geboren und aufgewachsen sind und hier ihre Familien haben. Für sie ist der Schritt ins Ausland oft schwieriger. Hier setzt der DAAD unter anderem mit Kurzaufenthalten an. Schon immer – und nicht erst seit Trump – gehört es zu unserer Förderlogik, den internationalen Austausch, diese Brain Circulation, in beide Richtungen zu unterstützen. Ohne diese Studierenden und Forschenden fehlen uns in zehn bis fünfzehn Jahren wichtige Brückenbauer in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft.

Zeichnen sich bestimmte Fachbereiche ab, in denen sich ein Zuzug aus den USA stärker bemerkbar macht?
Im Bereich Klimaforschung sind staatliche Mittel teils gekürzt oder gestrichen. Ähnlich sieht es in der Diversitäts- und Genderforschung aus. Auch in der Gesundheitsforschung gibt es Einschnitte: Das NIH (National Institute of Health) wurde durch die Trump-Politik finanziell stark geschwächt und kann weniger fördern. Das führt dazu, dass Forschungsprojekte nicht mehr aus föderalen Mitteln weitergeführt werden können. Forschende müssen sich daher nach anderen Finanzierungsquellen umschauen – oft auch verbunden mit einem Wechsel an eine andere Universität oder ins Ausland.

Inwiefern kann diese Entwicklung die Forschung und damit auch die Arbeit von Wissenschaftler*innen in Deutschland bereichern?
Die USA bleiben ein international hochattraktiver und der weltweit wichtigste Forschungsstandort. Es liegt nicht in unserem Interesse, diese Position zu schwächen – weder als DAAD noch als Forschungsstandort Deutschland. Wir setzen vielmehr auf Brain Circulation, auf internationale Netzwerke und den internationalen Austausch von Erfahrungen. Bewerberinnen und Bewerber aus anderen Ländern bringen internationale Netzwerke an die deutschen Hochschulen mit. Besonders, wenn sie aus den USA kommen, bringen viele auch Erfahrung mit in den Bereichen Entrepreneurship, Start-ups, Ausgründung. Davon profitieren auch die deutsche Wissenschaft und die anderen Forschenden, die mit ihnen zusammenarbeiten.

Zugleich wird Deutschland als „sicherer Hafen“ wahrgenommen: mit einem hohen Grad an Wissenschaftsfreiheit, stabiler Hochschulfinanzierung, starker angewandter Forschung und einem hohen Anteil internationaler Forschender. Deutschland ist nach den USA der zweitwichtigste Standort für internationale Forschende der Welt – eine Stärke, auf die wir weiterhin bauen können.

Eine Konkurrenz durch US-amerikanische Wissenschaftler*innen müssen deutsche Akademiker*innen also nicht befürchten?
Natürlich gibt es auch am Forschungsstandort Deutschland Engpässe, besonders im akademischen Mittelbau. Ein Ausbau von Tenure-Track-Stellen könnte hier helfen. Auch bei den Jobperspektiven für Postdocs auf dem innerdeutschen akademischen Arbeitsmarkt besteht Verbesserungsbedarf. Ich sehe eine stärkere Internationalisierung aber nicht als Risiko, sondern als Bereicherung. Unser Ziel als DAAD ist es, den Austausch in beide Richtungen zu fördern. Unsere Programme richten sich auch an Forschende aus Deutschland, die im Ausland Erfahrungen sammeln. Nur so entsteht eine echte Zirkulation, ein Geben und Nehmen.

Gibt es dennoch etwas, worauf bei Bewerbungen auf wissenschaftliche Stellen in Deutschland angesichts der aktuellen Lage besonders zu achten wäre?
Forschende aus Deutschland bringen viele Vorteile mit: Kenntnis der deutschen Sprache, des Wissenschaftssystems und Förderlogiken, bestehende Netzwerke, Erfahrungen mit EU- und DFG-Anträgen. Das sind Stärken, auf die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des deutschen Systems mit Selbstbewusstsein blicken können. Gleichzeitig ist internationale Erfahrung entscheidend, um im Wettbewerb zu bestehen. Deutsche Forschende sollten daher in Auslandsaufenthalte und internationale Kooperationen investieren und internationale Netzwerke aufbauen: beispielsweise durch Studien- und Forschungsaufenthalte, internationale Kooperationsprojekte etc. Hierbei unterstützt der DAAD durch zahlreiche Programme und Beratungsangebote.

Welche Programme oder Unterstützungsstrukturen gibt es?
Der DAAD bietet viele Förderprogramme, zu finden in der Stipendiendatenbank. Dazu gehört etwa das German American International Network (GAIN). Die GAIN-Jahrestagung wurde zuletzt ausgeweitet, um noch stärker internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Forschungsstandort Deutschland heranzuführen. In umgekehrter Richtung bieten wir Forschungs- und Kurzstipendien sowie Kurzzeitdozenturen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland an. Seit dem Sommer hat der DAAD mit Mitteln des BMFTR außerdem eine Beratungsstelle USA eingerichtet, zunächst für Interessierte aus Deutschland, inzwischen auch für Forschende an US-Hochschulen. Sehr gefragt ist außerdem das Programm PRIME (Postdoctoral Researchers International Mobility Experience): Mit diesem Stipendium lässt sich eine Stelle an einer deutschen Hochschule finanzieren, zugleich hat es eine direkt schon mitfinanzierte Auslandskomponente. PRIME steht damit beispielhaft für die gelebte Brain Circulation, auf die es uns besonders ankommt.

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