Lärm: Ein Job für die Stadtplanung
Flugzeuglärm gehört für viele Menschen zu den größten akustischen Beeinträchtigungen. Foto: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Lärm: Ein Job für die Stadtplanung

Im Lärmschutz arbeiten Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen: von Stadt- und Verkehrsplanung bis hin zu Geistes- und Sozialwissenschaften. Wer hier einsteigt, verbindet technisches Know-how mit gesellschaftlichem Mehrwert.

Text: Anja Schreiber

Lärmschutz ist wichtig: Laut einer Befragung des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2024 fühlten sich 67 Prozent der Befragten durch Straßenverkehr gestört, mehr als die Hälfte durch Nachbar*innen, 38 Prozent durch Fluglärm und weniger als ein Drittel durch Schienenverkehr. Fast die Hälfte erlebte sogar mehrere Lärmquellen gleichzeitig. Expert*innen warnen, dass langfristiger Lärm gesundheitsschädlich sein kann – etwa durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hörschäden, Tinnitus, Entwicklungsstörungen bei Kindern oder Depressionen. Auch Tiere leiden: Lärm erhöht ihre Herzfrequenz, verändert ihr Verhalten, verursacht Gehörschäden und kann zu Flucht führen.

Lärmschutz umfasst verschiedene Maßnahmen zur Reduzierung von Lärmbelastungen, die am Arbeitsplatz, in der Wohnumgebung oder im öffentlichen Raum auftreten: von der Schalldämmung in Gebäuden über den Gehörschutz in lauten Berufen bis zur lärmsensiblen Stadtplanung. Insofern ist Lärmschutz nicht nur ein technisches Thema, sondern umfasst auch rechtliche Rahmenbedingungen, organisatorische Maßnahmen sowie die Beeinflussung individueller und gesellschaftlicher Verhaltensweisen.

Forschung und Beratung im Lärmschutz

Für die Entwicklung, Implementierung und Überwachung dieser Maßnahmen sind eine Vielzahl an Einrichtungen und Institutionen zuständig, unter anderem Hochschulen. „Zum Thema Lärm wird zum Beispiel an den Technischen Universitäten München, Hamburg-Harburg und Berlin, aber auch an der RWTH Aachen geforscht“, berichtet Christian Fabris. Er ist Fachgebietsleiter „Lärmminderung bei Anlagen und Produkten, Lärmwirkungen“ beim Umweltbundesamt. Der Experte erklärt weiter: „Diese Forschung findet nicht nur im Teilbereich der Physik – der Akustik – sondern auch im Fachgebiet Mensch-Maschine-Kommunikation statt.“ Dieses sei interdisziplinär ausgerichtet, sodass dort nicht nur Wissenschaftler*innen aus den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern forschen, sondern auch Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen. „In der Wirkungsforschung von Lärm arbeiten außerdem Mediziner*innen und Psycholog*innen“, so Christian Fabris.

Hochschulen und andere Forschungseinrichtungen sind also ein möglicher Arbeitgeber im Lärmschutz, wie auch das Umweltbundesamt selbst. Es erhebt Daten zum Thema, erforscht Zusammenhänge und erstellt Prognosen für die Zukunft. „Wir sorgen für Wissenstransfer, indem wir Ministerien, Verwaltungen und Parlamente sowie Abgeordnete auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene beraten. Außerdem informieren wir die Öffentlichkeit“, erläutert Christian Fabris. Der fachliche Hintergrund der Mitarbeiter*innen im Bereich Lärm ist vielfältig. Sie kommen unter anderen aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften, aber auch aus den Rechts- und Sozialwissenschaften.

Weitere Arbeitgeber*innen im Lärmschutz

„Für die Umsetzung des Lärmschutzes vor Ort sind grundsätzlich die Kommunen und Landkreise zuständig. Wer genau, das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden“, erklärt Christian Fabris. Es können unterschiedliche Ämter damit befasst seien, etwa Umweltämter, Straßenverkehrsbehörden oder Straßenbauämter. Privatwirtschaftliche Planungs- und Gutachterbüros beschäftigen sich ebenfalls mit Lärmschutz. Geht es um Schienenlärm, ist das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) zuständig.

Auch in übergeordneten Einrichtungen, die für Arbeitssicherheit zuständig sind, befassen sich Akademiker*innen mit Lärmschutz. Darunter fällt unter anderem die „Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung“ oder die „Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA)“. Außerdem kommen als Arbeitgeber*innen Unternehmen mit einem hohen Lärmaufkommen infrage, beispielsweise die Industrie oder die Bauwirtschaft. „Das Lärmmanagement in den Unternehmen wird meist den Arbeitsschutzbeauftragten übertragen, die ganz unterschiedliche Ausbildungen haben können“, erläutert Christian Fabris. Das sind nicht unbedingt Akademiker*innen.

In Planungsbüros, bei Behörden und in der Verwaltung dagegen sind meist Akademiker*innen mit dem Thema befasst. Neben Fachkräften aus den Ingenieurwissenschaften, kommen sie unter anderem aus der Stadt- und Verkehrsplanung, den Umweltwissenschaften oder der Geografie. So suchte das rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerium eine Person mit Masterabschluss in Bauingenieurwesen oder Landespflege als „Führungskraft (m/w/d) im Bereich ‚Grundsatzfragen Straßenplanung, Lärm und Umweltfragen im Verkehr‘“. Wichtig war vor allem „Berufserfahrung innerhalb der Straßenbau- oder Verkehrsverwaltung“.

Fachkräfte aus der Stadt- und Verkehrsplanung haben generell viele Möglichkeiten, in den Lärmschutz und das -management einzusteigen, den vieles lässt sich auf verkehrsplanerischer Ebene regeln. „Eine zentrale Maßnahme ist die Einführung von Tempo 30“, erklärt Christian Fabris. Solche Zonen zählen zu den kostengünstigsten und effektivsten Maßnahmen. Hinzu kommen beispielsweise technische Lösungen wie lärmschluckender Asphalt, aber auch die Förderung des Rad- und Fußverkehrs oder die Reduzierung der Fahrstreifenanzahl.

Lärmschutz als Verwaltungsaufgabe

Die Kommunalverwaltung bietet Fachkräften im Lärmschutz verschiedene Einstiegsmöglichkeiten. Auch deshalb, weil hier das „strategische kommunale Lärmmanagement“ angesiedelt ist, das es umzusetzen gilt. „Grundlage für diese Aufgabe ist die EU-Umgebungslärmrichtlinie, die Deutschland zur Lärmreduktion und zum Schutz der Gesundheit verpflichtet“, berichtet Christian Fabris. In einem Fünf-Jahres-Rhythmus haben Kommunen und Landkreise die Pflicht, eine Bestandsaufnahme aller Lärmquellen durchzuführen. Dazu werden Verkehrs- und Industrielärm sowie sogenannte ‚Ruhige Gebiete‘ erfasst und Lärmkarten erstellt. Zudem wird untersucht, welche Quellen welchen Lärm auslösen und wie er sich im Laufe der Zeit entwickelt. „Diese Bestandsaufnahme bildet dann die Grundlage für Lärmaktionspläne, die Maßnahmen für die Reduzierung des Umgebungslärms festlegen.“ Bei größeren Entwicklungen müssen die Pläne auch außerhalb des Turnus überprüft und gegebenenfalls überarbeitet werden. „Ziel ist eine stetige Verbesserung der Lärmsituation. Es bestehen auch Berichtspflichten gegenüber der EU-Kommission“, weiß Christian Fabris.

Da die Öffentlichkeit bei der Erstellung der Lärmaktionspläne einbezogen werden soll, kommen dafür Bürgerbeteiligungen infrage. Wie bei anderen Beteiligungsformaten können hier Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen die Aufgabe übernehmen, diese Veranstaltungen zu organisieren und durchzuführen. Für Verbreitung der Ergebnisse – wie auch für die Kommunikation anderer Maßnahmen, welche eine Kommune durchführt – bedarf es Fachkräfte aus Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Wie die Aufgabenverteilung in der Verwaltung konkret aussieht, hängt stark von ihrer Größe ab. Dazu Christian Fabris: „In manchen Kommunen ist eine einzige Person dafür zuständig, die darüber hinaus oft noch andere Aufgaben wie Klimaanpassung und Abfallwirtschaft hat.“ In großen Verwaltungen gebe es dagegen Arbeitsgruppen, deren Mitglieder sich ausschließlich auf das Thema Lärm fokussieren und deren Expertise deshalb oft besonders groß ist.

Weiterbildung im Lärmschutz

„Spezielle Lärmschutz-Fortbildungen für Berufstätige existieren vor allem im technischen Bereich. Diese bietet zum Beispiel der ‚Verein Deutscher Ingenieure‘ an“, berichtet Christian Fabris. „Für Studierende und Quereinsteiger*innen kommen diese eher nicht in Frage. Es gibt aber ab und an kostenfreie öffentliche Veranstaltungen von Behörden zu den spezifischen Lärmthemen.“ Deshalb empfiehlt er die Angebote der Kommunalverwaltung vor Ort zu durchstöbern. „Für Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen besteht außerdem die Möglichkeit, an Hochschulen Kurse im Bereich der Mensch-Maschine-Kommunikation zu belegen.“

Genauso wichtig wie fachspezifische Kenntnisse seien aber die Soft Skills: „Neben der Fähigkeit, Statistiken anfertigen und lesen zu können, braucht man kommunikative Fähigkeiten. Man muss gut reden, eloquent seine Themen vortragen und über den Tellerrand blicken können.“ Wichtig sei die Kooperation mit Mitarbeiter*innen anderer Institutionen und Behörden, etwa mit der Luftreinhaltung oder der Stadtentwicklung, sowie mit Expert*innen aus anderen Fachrichtungen, etwa Ingenieur*innen. Team- und Kommunikationsfähigkeit sind deshalb zentrale Fähigkeiten.

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