Künstliche Intelligenz im Journalismus
KI verändert den Journalismus. Was bedeutet dies für die Arbeit in Redaktionen, und auf welche neuen Anforderungen sollten sich Journalist*innen einstellen?
Text: Christine Lendt
Stellen Sie sich vor: Sie schreiben eine Reportage, legen diese einem Kollegen oder einer Kollegin vor und erhalten innerhalb weniger Sekunden ein Feedback – inklusive stilistischer Verbesserungen, Ergänzungen und Denkanstöße für inhaltliche Vertiefungen. Das ist keine Zukunftsmusik, denn bereits seit 2023 gibt es diesen „Kollegen“. Sein Name lautet „Wolf-Schneider-KI“. Wer das Tool mit einem Text füttert, bekommt neben der redigierten Fassung auch eine allgemeine Einordnung wie: „Der Text bietet bereits eine gute Einführung in ein aktuelles Thema und ist klar strukturiert. Um aber die Lesbarkeit zu erhöhen, können einige stilistische Anpassungen vorgenommen werden.“ Dazu gibt es detaillierte Ratschläge zu konkret benannten Textstellen.
Die Wolf-Schneider-KI zeigt exemplarisch auf, wo der Journalismus heute steht: Entwickelt wurde die KI von Journalist*innen, genauer von einem Team der Webakademie „Reporterfabrik“, die zu Correctiv gehört. Ein Team aus Top-Journalist*innen bringt ein KI-Tool heraus, das Texte verbessert – ist das nicht kontraproduktiv für die eigene Branche? „Ich glaube, KI kann Journalisten ersetzen, die nicht die Ressourcen von Künstlicher Intelligenz nutzen“, lautet die klare Antwort von Cordt Schnibben. Der ehemalige Chef des Gesellschaftsressorts beim Spiegel und heutige Leiter der Reporterfabrik hatte die Idee, ChatGPT mit Wolf Schneider zu konfrontieren, dem bekannten Journalisten, Sprachkritiker und früheren Leiter der Henri-Nannen-Schule. „Wer meint, sich in diesem Beruf nicht mit KI beschäftigen zu müssen, wird zukünftig zu den Ersten gehören, die ihren Arbeitsplatz einbüßen“, erklärt er.
Wie nutzen Journalist*innen KI?
Was provokant klingt, beschreibt eine Realität: KI hat den Journalismus längst verändert. Wer schon mal Interviews transkribiert hat, weiß wie viele Stunden hier ohne Software verloren gehen können – und wie viele schlechte Programme es früher gab. Heute liefern KI-basierte Transkriptionsfunktionen eine Abschrift, während das Interview noch läuft.
Auch für andere Routineaufgaben bieten sich KI-Anwendungen an, etwa das Umstrukturieren von Texten oder die Auswertung großer Datenmengen. Wie weit dies reichen kann, zeigte sich bereits im Jahr 2016, als der Skandal um die Panama-Papers weltweit publik wurde. Der Süddeutschen Zeitung war damals ein 2,6 Terabyte großes Datenleck zugespielt worden. Künstliche Intelligenz hatte dem Investigativ-Team dabei geholfen, die insgesamt 11,5 Millionen Dateien mit Informationen unter anderem zu Geldwäsche und Briefkastenfirmen auszuwerten. „Wir wären ohne die Technologie nie so weit gekommen“, erklärte SZ-Redakteur Hannes Munzinger in einem Video-Interview im Mitteldeutschen Rundfunk.
Jedoch hat die Anwendung von Künstlicher Intelligenz im Journalismus auch ihre Grenzen, wie Cordt Schnibben betont: „KI-Tools sind trainierte Lernmaschinen, die durchaus auch kreativ sein können, aber nur in einem bestimmten Rahmen. Wer einer KI zum Beispiel nur ein paar Stichpunkte gibt und sie auffordert, dazu eine Reportage zu verfassen, wird ein äußerst enttäuschendes Ergebnis erhalten. Das selbstständige Formulieren von qualitativ hochwertigen Texten ist die große Schwäche von KI. Hier wird der Mensch weiterhin gebraucht.“
Die großen und kleinen Nuancen verschiedener Beitragsformen ausspielen, kluges und einfühlsames Storytelling und ein intersektioneller Blick auf das Ergebnis bleiben also erst einmal wertvolles Handwerk des Menschen. Denn die Probleme und Geschichten dieser Welt lassen sich selten in Nullen und Einsen herunterbrechen. Einige weitere journalistische Elemente, die KI nicht leisten kann, sind:
- Vertrauensvolle Beziehungen zu Protagonist*innen und Interviewpartner*innen herstellen
- Vor-Ort-Eindrücke
- Verlässliche Quellen- und Faktenchecks
- Bias-Check
- Ethik, Verantwortung und Schutz der Quellen
- Originalität und Kreativität
KI als Unterstützung im Journalismus
Die journalistische Arbeit wird durch Künstliche Intelligenz also keinesfalls ersetzt, aber deutlich erleichtert und beschleunigt. So sieht es auch Cordt Schnibben. „KI-Tools eignen sich sehr gut als persönliche Assistenten – auch bei der Recherche, weil die Ergebnisse inzwischen deutlich besser geworden sind und auch die Quellen der Informationen angegeben werden können. Dennoch ist der persönliche Gegencheck von Fakten weiterhin unerlässlich.“
Journalistische Arbeitgeber*innen reagieren auf den Wandel, indem sie teilweise bereits ChatGPT oder andere KI-Tools nutzen, etwa Writesonic zur Texterstellung, Gemini oder Perplexity.AI für Recherchezwecke. Inzwischen gibt es außerdem Formate, die auf die speziellen Bedürfnisse der jeweiligen Redaktion zugeschnitten sind. So wurde auch für die Wolf-Schneider-KI eine Redaktionsversion entwickelt, die in die interne Redaktionssoftware integriert werden kann. Zwanzig Redaktionen nutzen sie laut Cordt Schnibben bereits. Vor allem große Medienhäuser führen außerdem interne Richtlinien für die rechtssichere Anwendung von KI ein, auf die sich Arbeitnehmer*innen einstellen müssen.
KI im Journalismus: Risiken
Sich auf den „Kollegen KI“ einzustellen, bedeutet auch, sich mit dem viel diskutierten Aspekte der Medienethik auseinanderzusetzen und Regulatorisches zu bedenken. „Einerseits können die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz den Journalismus auch nach vorne bringen, besonders bei Routineaufgaben und Recherchen“, bestätigt Hanna Möllers, Justiziarin und stellvertretende Geschäftsführerin beim Deutschen Journalisten-Verband e.V. (DJV). Dass Fachkräfte von KI ersetzt werden, sehe sie vor allem mit Blick auf den Spardruck privater und öffentlich-rechtlicher Medienhäuser. Als Gewerkschaft macht sich der DJV stark, dass dies nicht passiert.
Generell ein zentraler Punkt ist laut Hanna Möllers auch die Forderung an die Politik, einen klaren regulatorischen Rahmen zu schaffen. „Derzeit gehen KI-Unternehmen noch davon aus, dass sie sämtliche im Netz veröffentlichte Materialien kostenlos nutzen können, um ihre Modelle zu trainieren – sofern die Urheber nicht ausdrücklich widersprochen haben. Die Folge: Bereits kurze Zeit nach der Veröffentlichung fassen KI-Tools aufwendig recherchierte Inhalte zusammen und treten damit in direkte Konkurrenz zum Originaltext.“ Das gefährde unter Umständen das Geschäftsmodell zahlreicher Medienhäuser und Journalist*innen, die auf Reichweite, Klickzahlen und Werbeeinnahmen angewiesen seien.
KI im Journalismus verankern
Copyright, Urheberrecht, Datenschutz, Bias-Einsatz im Redaktions- und Recherchealltag – für den Einsatz von KI im Journalismus gibt es inhaltlich sowie formal viel zu lernen. Daher plädiert der DJV in einem Positionspapier auf seiner Website unter anderem dafür, dass dieses Thema fester Bestandteil in der journalistischen Aus- und Weiterbildung sein muss. Journalist*innen müssten dazu befähigt werden, die Möglichkeiten von KI sinnvoll zu nutzen – etwa für Recherchen. Zugleich sollen sie aber auch für den Missbrauch der KI sensibilisiert und geschult werden, diesen zu entdecken. So bieten etwa die Reporterfabrik, andere Journalistenschulen und journalistische Einrichtungen Seminare und Workshops zu dem Thema an.
Mehr als zuvor sollten Fachkräfte in diesem Bereich auch Neugier, Lernbereitschaft und Experimentierfreudigkeit mitbringen, stellt Cordt Schnibben fest. Er selbst wurde immer wieder überrascht, welche neuen Möglichkeiten sich durch KI-Anwendungen eröffnen – etwa mit Tools wie Midjourney oder Runway für die Foto- oder Videoproduktion. Als Beispiel nennt er einen 30-minütigen Dokumentarfilm über das Hippie-Festival Woodstock. „Da wurden alte Fotos quasi zu bewegten Filmszenen, denen man dies absolut nicht angemerkt hat. Solche Ergebnisse zeigen, in welcher rasenden Geschwindigkeit sich dieser Bereich entwickelt.“
