Hybride Lehre
Hybride Lehre verlangt von Dozent*innen didaktisches und technisches Geschick. Foto: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Hybride Lehre

Hochschuldozent*innen, die ihre Lehrveranstaltungen hybrid anbieten, erreichen mehr Student*innen unabhängig von deren Aufenthaltsort. Was müssen Lehrkräfte können und wo lernen sie es?

Text: Christine Lendt

Eine Hochschuldozentin steht früh morgens vor ihrem Laptop und überprüft die Technik: Kamera, Mikrofon, Bildschirmfreigabe – alles bereit für die hybride Vorlesung. Im Hörsaal begrüßt sie die Student*innen, während sie gleichzeitig den Chat der Online-Teilnehmer*innen im Blick behält, Fragen aufgreift und Diskussionen moderiert, sodass alle – vor Ort und zuhause – aktiv am Unterricht teilnehmen können. Hybride Lehre wird schnell mit der Corona-Pandemie in Verbindung gebracht, als an Hochschulen nichts mehr ging und der gesamte Betrieb ins Internet verlagert wurde.

Dabei bietet dieses Lehrformat mehr als Onlineveranstaltungen – nämlich die Komponente, auch vor Ort Teilnehmer*innen zu haben. Genau genommen handelt es sich bei hybriden Formaten um eine Weiterentwicklung der reinen Onlinelehre. Und: Sie ist laut eines Positionspapiers des Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. unverzichtbar, wenn deutsche Hochschulen weiterhin wettbewerbsfähig bleiben wollen.

Für Lehrkräfte gehen damit sowohl didaktische Herausforderungen als auch technische Neuerungen einher. Ein erster Schritt in der konkreten Umsetzung ist die Unterscheidung verschiedener Formate und später der Wahl des passenden für die eigenen Inhalte. Der Stifterverband für die Deutsche Wirtschaft e.V. differenziert im Projekt Hochschulforum Digitalisierung unterschiedliche Möglichkeiten:

  • Hybride synchrone Lehre: Veranstaltungsformate, bei denen jeder Termin sowohl in Präsenz als auch zeitgleich dazu online stattfindet. Ein Teil der Student*innen wird live online dazugeschaltet, ein anderer ist gemeinsam mit der Lehrperson vor Ort.
  • Hyflex Lehre: Eine Unterform der hybriden synchronen Lehre, die es den Student*innen ermöglicht, kurzfristig zu entscheiden, ob sie an der Veranstaltung online oder vor Ort teilnehmen.
  • Hybride synchrone Lehre mit fester Zuordnung: Ebenfalls eine Unterform der hybriden, synchronen Lehre, für die die Student*innen in Gruppen eingeteilt werden, die im Wechsel online und in Präsens teilnehmen.
  • Asynchrone Beteiligung: Die „Online“-Student*innen sind hier nicht live zur Veranstaltung zugeschalten, sondern können die Inhalte über Videoaufzeichnungen unabhängig vom Lehrplan aufrufen.
  • Blended Learning: Kombiniert Präsenzunterricht mit mediengestützten Elementen und umfasst sowohl synchrones Lernen – in dem alle gleichzeitig interagieren – als auch asynchrones Lernen, bei dem Student*innen zeitlich flexibel Inhalte erarbeiten.
  • Flipped Classroom: Beispielsweise erarbeiten die Student*innen die Inhalte teilweise zuhause, um die Präsenzphasen vor Ort für vertiefende Gruppenarbeiten nutzen zu können.

Hybride Lehre gestalten

Für Lehrpersonen ist es entscheidend, die Unterschiede zwischen den Angeboten zu verstehen, um ihre Veranstaltungen gezielt zu gestalten. Nur dann, kann man die einzelnen Phasen sinnvoll verzahnen, die Lernziele effektiv erreichen und die Student*innen aktiv einbinden. Bei der inhaltlichen Planung müssen Fachkräfte daher vor allem darauf achten, wie sie die Inhalte so strukturieren, dass sowohl Präsenz- als auch Online-Student*innen aktiv eingebunden werden. Das gelingt beispielsweise mit einem Audience-Response-Tool wie „Frag jetzt“ oder „Mentimeter“. Bei etablierten Fachkräften der Geistes- und Sozialwissenschaften kommt es durchaus vor, dass sie über ein festes Set an Präsentationen für die einzelnen Veranstaltungen verfügen. Diese gilt es für hybride Veranstaltungen zu überarbeiten.

Nach einer Einschätzung der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) eignet sich Hybridität insbesondere für Seminare, Übungen und Projektveranstaltungen. Hybrides Lehren sei außerdem zur Einführung ins Studium und zum Kennenlernen im ersten Semester besonders wertvoll. „Die synchronen Phasen sollten dabei vorwiegend für den Austausch und die Kollaboration genutzt werden“, schreibt die HTW auf ihrer Homepage. Asynchrone Phasen würden sich dagegen für die Aneignung von Grundlagenwissen und die Bereitstellung von Organisatorischem eignen. Hier stelle sich, wie auch bei anderen Lehr- und Lernszenarien die Frage, durch welche Aktivitäten, Lernmethoden und Tools die Lernziele unter den gegebenen Bedingungen am besten erreicht werden könnten. Hilfe, Tools und Inspiration bietet dafür beispielsweise das Berliner Netzwerk Hybride Lehre. Sie stellen unter anderem die „Guidelines for Hybrid Teaching“ kostenlos zum Download bereit.

Eine Herausforderung hybrider Lehrveranstaltungen ist die Herstellung der Zugehörigkeit zu einer Lerngemeinschaft. Denn die soziale Präsenz, die im traditionellen Unterricht entsteht, wird in hybriden Formaten oft nicht in gleicher Weise erreicht. Studen*tinnen, die online teilnehmen, können sich isoliert fühlen, was eventuell Gruppenarbeiten und kollaborative Phasen erschwert. Auch der Austausch mit anderen Student*innen muss unterstützt werden, da er nicht wie vor Ort auf natürliche Weise in der Veranstaltung entsteht. Insbesondere die gegenseitige Unterstützung und der pädagogische Effekt von Lerngruppen kann dadurch schwinden. Hier können Dozent*innen gezielt mit Break-Out-Rooms im Videokonferenz-Tool arbeiten oder zum Austausch in gemeinsamem Online-Whiteboards oder Diskussionsforen anregen. Die Publikation „Guidelines for hybrid Teaching“ widmet sich in einem eigenen Kapitel der Frage wie Lehrkräfte hybride Gemeinschaften entstehen lassen.

Technik und Didaktik für hybride Lehrveranstaltungen

Student*innen online und vor Ort betreuen klingt für viele Fachkräfte erst einmal nach einer kognitiven Doppelbelastung. Und das kann es auch zunächst sein, immerhin müssen sie gleichzeitig die Aufmerksamkeit von zwei Gruppen im Blick haben, im Hörsaal und im Video-Chat Fragen beantworten. Eine wissenschaftliche Hilfskraft kann hier als Co-Moderator*in unterstützen, indem er oder sie beispielsweise über das Videokonferenz-Tool die Hoheit hat. Wer sich auf Hybridität einlässt, wird aber schnell feststellen, dass sich durch die mediale und technische Unterstützung auch vieles vereinfachen lässt. Am Ende besteht damit die Chance, dass die eigene Lehrveranstaltung dynamischer, attraktiver und damit auch besser besucht wird. Eine klare Struktur und transparente Kommunikation sind ebenfalls erforderlich, um Verwirrung und Missverständnisse zu vermeiden. Technik darf nicht im Vordergrund stehen – aber ohne verlässliche Technik funktioniert keine hybride Lehre. Gute Tools sollten einfach, stabil und niedrigschwellig sein.

Für die Förderung der sozialen Integration empfiehlt es sich, zu Beginn jeder Sitzung Interaktionsformate einzusetzen, die auch Online-Teilnehmer*innen ermöglichen, sich einzubringen. Zudem sollten Fachkräfte beide Gruppen aktiv ansprechen und ihnen Möglichkeiten zur Interaktion bieten – sei es durch Umfragen, Gruppendiskussionen oder kollaborative Tools. Dies hilft, die Aufmerksamkeit der Student*innen zu fördern und eine lebendige, inklusive Lernumgebung zu schaffen. Videokonferenzsysteme wie Zoom oder Microsoft Teams, gekoppelt mit geeigneten Kursmanagementsysteme beziehungsweise Lernplattformen wie etwa Moodle sind unverzichtbar. Darüber hinaus müssen Lehrräume mit entsprechender Hardware ausgestattet sein: Kameras, Mikrofone und stabile Internetverbindungen sind essentiell, um ein qualitativ hochwertiges und reibungsloses Lehrangebot bereitzustellen. Die Technology Arts Science Technische Hochschule Köln bietet für Fachkräfte folgende Technik-Checkliste vor der Veranstaltung:

  • Stellen Sie sicher, dass ein Raum mit passender technischer Ausstattung zur Verfügung steht
  • Informieren Sie die Student*innen vorab über die Möglichkeit, sowohl digital als auch in Präsenz teilnehmen zu können.
  • Kommunizieren Sie alle notwendigen Informationen wie Raumnummer, Uhrzeit, Login-Daten und Hinweise zur technischen Ausstattung an die Student*innen
  • Laden Sie vor der Veranstaltung alle nötigen Unterlagen und Materialien in das Hochschuleigene Lernmanagementsystem hoch.
  • Testen Sie vorab alle Tools, die Sie in Ihrer hybriden Lehrveranstaltung verwenden wollen.
  • Informieren Sie die Student*innen vorab über die genutzten Tools – für den Fall, dass man beispielsweise einen Account braucht, um teilzunehmen.

Mehr Teilhabe durch hybride Lehre

Hybride Lehrformate entfalten ihren Nutzen besonders, wenn sie den Zugang zum Lernen erleichtern und flexible Teilnahme ermöglichen. Sind beispielsweise die Räumlichkeiten der Lehrveranstaltung nicht barrierefrei, können über die Online-Option auch Student*innen mit Behinderung teilnehmen, die dies sonst nicht könnten. Auch Eltern, die Studium und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen müssen, können ihren Lernalltag leichter organisieren. Und auch bei steigenden Wohnungspreisen in Universitätsstädten kann die Option, einfach weiterhin im Heimatdorf wohnen zu können, aber digital dennoch den Wunschstudiengang zu absolvieren, eine echte Erleichterung für Student*innen sein.

Auch internationale Student*innen, die aufgrund von Reisebeschränkungen oder hohen Lebenshaltungskosten nicht regelmäßig nach Deutschland kommen können, nehmen dadurch aktiv am Kursgeschehen teil. In berufsbegleitenden Studiengängen oder Weiterbildungen erlaubt das hybride Format, Arbeit und Studium zu verbinden: So schaltet sich beispielsweise ein Teilnehmer nach einem Arbeitstag online zu, während andere den Präsenzunterricht besuchen. Besonders in der wissenschaftlichen Weiterbildung öffnen solche Formate Türen für Zielgruppen, die sonst keinen oder nur einen erschwerten Zugang zum Hörsaal haben würden – nun können sie virtuell mitdiskutieren, Gruppenaufgaben lösen und Vorlesungsinhalte in ihrem eigenen Tempo bearbeiten. So wird Lernen orts- und zeitunabhängig, inklusiv und für eine größere Vielfalt an Teilnehmenden zugänglich.

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