Was bringt die Zukunft?
Der Blick in die Glaskugel bleibt vermutlich eher vage, die Szenariotechnik dagegen kann Entwicklungen relativ konkret vorhersagen. Foto: © Leonardo.Ai

Was bringt die Zukunft?

Szenariotechnik heißt die Methode, mit der verschiedene zukünftige Entwicklungen skizziert werden können. Sie kann bei weitreichenden großen Entscheidungen wie auch bei kleineren Überlegungen eingesetzt werden. Hier wird erklärt, wie das funktioniert.

Text: Christine Lendt

Angenommen Sie arbeiten in einem Kulturbetrieb, der sich aufgrund eines gekürzten Budgets verändern muss. Dann beschäftigen Sie möglicherweise folgende Fragen: Wird unser Programm in den möglichen neuen Räumlichkeiten weitergeführt werden können wie bisher? Werden die Veranstaltungen womöglich sogar noch attraktiver, weil wir eine preisgünstigere Location, ein passenderes Ambiente oder einen zielgruppengerechteren Standort finden? Oder wird die Suche vergeblich sein, sodass wir das jetzige Angebot einstellen und komplett neue Projekte starten müssen? Dieses Spektrum möglicher Entwicklungen ließe sich in so einer Situation durchspielen.

Auf einen Blick in die Kristallkugel möchte wohl niemand vertrauen, wenn es um das Projektmanagement oder andere unternehmerische Aktivitäten geht. Doch mit dem vorhandenen Wissen um mögliche zukünftige Entwicklungen lassen sich – je nach Ausgangssituation – schon recht genaue Szenarien entwerfen im Spektrum von „Best Case“ bis „Worst Case“. Auf alles Denkbare so gut wie möglich vorbereitet zu sein, ist im Endeffekt auch förderlicher als sich etwa nur auf ein Worst-Case-Szenario einzustellen, das vielleicht gar nicht eintrifft. Dies ist, grob umrissen, der Hintergedanke der sogenannten Szenariotechnik, einem Verfahren für multiple Prognosen. „Nicht die Zukunft kommt auf uns zu, sondern wir gehen aktiv auf die Zukünfte zu“: So formuliert es das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes, das diese Methode auf seiner Homepage vorstellt, weil es sich in dieser Branche schon seit Jahren bewährt. Die Szenariotechnik diene weniger der Generierung von neuem Wissen, sondern der übersichtlichen Strukturierung und Darstellung von vorhandenem Wissen über zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten, resümieren die Expert*innen.

Gut, schlecht und alles dazwischen

Das Orgahandbuch, ein gemeinsames Angebot des Bundesverwaltungsamtes und des Bundesinnenministeriums, erklärt, dass die Methode der Positionsbestimmung sowie der Entwicklung von angemessenen Strategien, Handlungsempfehlungen und Zielen diene. Mit diesem Instrument lassen sich alle erdenklichen Szenarien verschiedenster Größenordnungen durchspielen – für ein einzelnes Unternehmen oder eine Organisation genauso wie auf gesellschaftlicher oder globaler Ebene, etwa in Bezug auf die Digitalisierung oder den Klimawandel. Doch auch auf kleinere Szenarien im (Arbeits-)Alltag kann es sich anwenden lassen, denn das Prinzip dahinter ist stets das gleiche.

Darstellen lässt sich der Prozess der Szenariotechnik als seitlich liegender Trichter: Das schmale Ende des Trichters auf der linken Seite steht für den Ausgangspunkt mit der spezifischen Problemstellung, etwa einer Kürzung des Projektbudgets. Die breite Trichteröffnung rechts markiert die Spannweite zwischen den möglichen zukünftigen Entwicklungen vom bestmöglichen bis hin zum schlechtesten Szenario. Innerhalb dieser beiden Extreme sind optional weitere Entwicklungen denkbar, die sogenannten Trendszenarios wie zum Beispiel „Alles geht so weiter wie bisher“. Von der Ausgangslage bis in die Zukunft öffnet sich der Trichter immer mehr, und analog dazu, wie er mit zunehmendem Abstand zur Gegenwart immer breiter wird, werden auch die über die Zukunft getroffenen Aussagen immer unsicherer.

So funktioniert die Technik

Für die konkrete Ausgestaltung der einzelnen Szenarien gibt es unterschiedliche Ansätze, die den Prozess in mehrere Schritte aufteilen. Das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft etwa stützt sich auf die acht folgenden Schritte:

1. Analysephase: Hier wird die Frage geklärt, um welche konkrete Entwicklung es bei diesem „Szenario-Trichter“ gehen soll?

2. Einflussanalyse: Jetzt werden alle äußeren Einflussfaktoren gesammelt, etwa politische Rahmenbedingungen oder wirtschaftliche Entwicklungen. Aus dieser Sammlung werden die wichtigsten Schlüsselfaktoren ausgewählt, die im Weiteren als Kern der Szenario-Analyse dienen.

3. Formulierung von Deskriptoren: Die Schlüsselfaktoren werden nun hinsichtlich ihrer Qualität und Quantität beschrieben. Jeder dieser Einflüsse wird dabei als Deskriptor bezeichnet.

4. Wechselwirkungsanalyse: In einer Matrix werden die Ausprägungen aller Deskriptoren einander gegenübergestellt. Dabei wird abgeschätzt, welche Ausprägungen sich gegenseitig verstärken, welche neutral und welche widersprüchlich zueinander sind.

5. Szenario-Interpretation: Nun werden die verschiedenen Szenarien in ihrem Verlauf von der Gegenwart bis zum Ende hin interpretiert und beschrieben, inklusive verschiedener Zwischen-Szenarien. Diese können – je nach Ausgangslage – verschiedene Zeiträume umfassen, von einigen Tagen bis hin zu Jahren.

6. Störfallanalyse: Es werden mögliche Störereignisse mit einbezogen, welche die Entwicklung plötzlich in eine andere Richtung lenken können.

7. Auswirkungsanalyse: Die Erkenntnisse aus der Betrachtung der Szenarien werden auf das Untersuchungsfeld angewendet.

8. Maßnahmen: Aus den verschiedenen Szenarien werden Konsequenzen abgeleitet und daraus strategische Leitlinien und konkrete Maßnahmen entwickelt.

Die Stärken der Szenariotechnik sind ihre flexible Einsetzbarkeit, die umfassende Betrachtungsweise und die damit gewonnene Schaffung von Transparenz. Schwierig kann jedoch unter Umständen die aufwendige Beschaffung von Informationen sein, sofern nur wenig oder gar nichts über den Gegenstand der Untersuchung bekannt ist. Deswegen gilt: Je mehr Zahlen, Daten und Fakten im Vorfeld herangeschafft werden können, um so belastbarer sind die entwickelten Szenarien. Stolperfallen lassen sich vermeiden, indem das Projektteam heterogen ist, einen überschaubaren Prognosezeitraum festlegt und verschiedene Quellen nutzt.

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