Mehr Grün in der Stadt
Einblick in das Stadtbegrünungsprojekt PikoPark in Dortmund-Westerfilde. Foto: WILA Bonn e.V.

Mehr Grün in der Stadt

Auch kleinere Flächen können viel zum Umweltschutz in einer Stadt beitragen – zum Beispiel in einer Wohnanlage. In der Umsetzung sind unter anderem Fachkräfte aus der Stadt- und Landschaftsplanung, Geografie, aber auch aus den Sozialwissenschaften gefragt. Bernd Assenmacher vom Wissenschaftsladen Bonn (WILA) e.V. erklärt anhand der PikoParks, wie so ein Projekt aussehen kann.

Text: Daniela Obermeyer

Die Vorteile von urbanem Grün liegen auf der Hand: Die Folgen von Hitze und Starkregen können abgemildert werden, es wird Lebensraum für Insekten und andere Tiere geschaffen sowie die Biodiversität erhöht. Zudem es ist förderlich für die psychische und körperliche Gesundheit der Stadtbewohner*innen und kann in Form eines Gemeinschaftswerks zu einem besseren Miteinander beitragen. Nimmt man diese ökologischen, klimatischen, gesundheitlichen und sozialen Vorteile zusammen, ist Stadtgrün durchaus ein wirtschaftlicher Wettbewerbsvorteil, um ein Quartier, einen Stadtteil oder die gesamte City ökonomisch anziehender zu machen. Diese positiven Aspekte werden auch auf höchster Ebene wahrgenommen: So hatte die Bundesregierung 2013 das Thema „Grün in der Stadt“ erstmals ressortübergreifend auf die Agenda gesetzt und eine langfristige Initiative für urbanes Grün gestartet. Im 2017 veröffentlichten „Weißbuch Stadtgrün“ wurden zehn Handlungsfelder und viele konkrete Maßnahmen definiert. Hier wurde deutlich, dass sich Stadtbegrünung nicht nur auf große Parkanlagen und die Innenstädte beschränkt. Dazu gehört es etwa auch, die stark versiegelten Gewerbegebiete grüner zu machen, Gebäude an sich zu begrünen oder auf den ersten Blick ungewöhnliche Orte in den Fokus zu nehmen wie Friedhöfe und soziale Brennpunktviertel. Parallel läuft seit 2011 das Förderprogram „Biologische Vielfalt“ des Bundesumweltministeriums, das einen eigenen Förderschwerpunkt für Stadtnatur beinhaltet.

Porträt Bernd Assenmacher
Diplom-Geograf Bernd Assenmacher war lange Zeit ím PikoPark-Projekt tätig. Foto: WILA Bonn e.V.

Kleine Fläche, große Wirkung

Auch das Projekt „PikoPark – Treffpunkt Vielfalt“ des WILA Bonn in Kooperation mit der Stiftung für Mensch & Umwelt konnte aus diesem Fördertopf schöpfen. So entstanden ab 2018 in Bonn, Dortmund, Remscheid, Speyer und Erfurt die ersten kleinen naturnahen Parks innerhalb von Wohnanlagen, sogenannte PikoParks – abgeleitet vom Italienischen „piccolo“ für „klein“. Auf einer Fläche von etwa 300 Quadratmetern wurden dort kleine Oasen angelegt mit heimischen Blumen, Kräutern, Sträuchern und Hecken, mit Trockenmauern, Totholz und Nisthilfen, mit Bänken, Beeten, Wegen und mehr. Jeder PikoPark ist anders, denn das Besondere daran ist, dass interessierte Anwohner*innen tatkräftig mithelfen können – von der Planung über das Anlegen bis zu Pflege. „Die Bürgerbeteiligung ist sehr wichtig“, betont Bernd Assenmacher vom WILA Bonn, der lange bei PikoPark mitgearbeitet hat und mittlerweile andere Stadtnatur-Projekte betreut. „Zum einen sind die Anwohner*innen daran interessiert, dass ‚ihr‘ Park gepflegt bleibt und kümmern sich entsprechend darum. Und zum anderen wird auf diese Weise ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen. Das soziale Miteinander zu stärken, ist eines der erklärten Ziele eines PikoParks.“ Genauso wichtig ist es, die Artenvielfalt und Biodiversität zu fördern. Diese Wirkung darf nicht unterschätzt werden. „Insekten haben meist einen Aktionsradius von etwa 500 Meter. Da bietet auch eine kleine Fläche viel Lebensraum“, weiß Bernd Assenmacher.

Zwei Jahre dauert es im Schnitt von der Idee bis zu dem Zeitpunkt, an dem die ersten Bienen in einem PikoPark summen. Aktuell sind drei Projektverantwortliche im WILA Bonn in dieser Zeit für die Vernetzung aller Akteure, für Planung und Organisation zuständig. Im ersten Schritt gilt es, einen interessierten Träger zu finden. Das können Wohnungsbauunternehmen, -genossenschaften oder Hausverwaltungen sein, aber auch Kirchengemeinden, Privatleute, Kleingartenvereine oder Kommunen. Über verschiedene Fördermöglichkeiten können die Träger die Kosten teilweise abdecken, Kommunen sogar bis zu 90 Prozent. Im zweiten Schritt geht es darum, interessierte Anwohner*innen ins Boot zu holen. Gemeinsam mit einem Landschaftsplaner oder einer Landschaftsplanerin vor Ort organisieren die WILA-Mitarbeiterinnen Workshops und andere Beteiligungsformate mit den Bürger*innen. Unter anderem kommt hier das sogenannte Dillinger Modell zum Einsatz. In einem Sandkastenmodell werden die Ideen im Miniaturformat visualisiert: Welche Pflanzen werden in welchen Bereich gepflanzt? Wo sind Sitzmöglichkeiten? Wie ist die Wegeführung? Ist der Entwurf ausgereift, geht es an die Umsetzung. Die Anwohner*innen übernehmen dabei so viele Aufgaben wie möglich, etwa eine Trockenmauer anlegen oder die Bepflanzung. Zusätzlich braucht es jedoch ein Gartenbauunternehmen mit schwerem Gerät. „Für den gesamten Prozess ist es sehr wichtig, dass wir mit Expert*innen aus der Landschaftsplanung und dem Gartenbau zusammenarbeiten, die sich mit Artenvielfalt und naturnaher Gestaltung auskennen“, erklärt Bernd Assenmacher. „Es ist manchmal nicht so einfach, jemand Geeignetes zu finden. Das ist eigentlich verwunderlich, denn die Nachfrage ist da und wird zunehmend größer.“ Das zeigt auch die Zahl der umgesetzten PikoParks: Mittlerweile gibt es bundesweit elf verschiedene Parks, etliche weitere sind in Planung.

Fachkräfte unter anderem aus Geografie gefragt

Neben dem Naturschutzaspekt gefällt Bernd Assenmacher an dem Projekt besonders gut die Bürgerbeteiligung: „Ich mag es, dass ich Kontakt zu vielen Menschen habe, aus verschiedenen Altersstufen und unterschiedlichen biografischen Hintergründen. Da bringt jeder eine andere Sichtweise mit.“ Deswegen sollte man für diese Arbeit eine große Portion Offenheit sowie Empathie mitbringen. Ebenfalls hilfreich: Fähigkeiten im Projektmanagement. „Man muss den Überblick behalten können über die einzelnen Schritte wie auch die Kosten im Blick haben.“ Gewisse Fachkenntnisse spielen natürlich ebenfalls eine Rolle: „Man braucht zwar kein Detailwissen, sollte sich aber schon mit Artenvielfalt und den Zusammenhängen in der Pflanzen- und Insektenwelt auskennen“, erklärt Bernd Assenmacher. Er selbst hat in der Planung und Realisierung von PikoParks viel über die heimische Botanik dazugelernt, ist er doch von Haus aus Geograf – ebenso zwei der Kolleginnen im Projekt. Durch seinen Studienschwerpunkt Klimatologie gibt es zwar durchaus thematische Überschneidungen, doch nicht nur das sei hilfreich gewesen: „Ich mache in den letzten Jahren – auch in anderen Stadtnatur-Projekten – häufiger die Erfahrung, dass Geograf*innen gerade aufgrund ihrer generalistischen Ausbildung immer stärker nachgefragt sind, ähnlich wie Biolog*innen sowie Sozialpädagog*innen und Sozialwissenschaftler*innen. Viele Kommunen haben die Wichtigkeit des Themas erkannt und haben beispielsweise eigene Klimaschutzmanager*innen.“

Auf diese Fachkräfte – wie auch im Bereich Stadtnatur im Allgemeinen – kommt in Zukunft laut dem Experten vor allem ein Thema zu: Klimaresilienz. „Die Verantwortlichen in der Verwaltung müssen sich auf die zunehmende Erwärmung einstellen und Maßnahmen ergreifen, das Wohnen in der Stadt erträglich bleibt.“ Stadtnatur-Projekte wie die PikParks können dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

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