Blick auf eine landwirtschaftlich geprägte Region von oben. Das Bild ist KI-generiert.
Den Herausforderungen in der Landwirtschaft innovativ begegnen: Das machen unter anderem Agri-Start-ups. Bild: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Jobchancen in Agri-Start-ups

Start-ups gibt es längst nicht mehr nur im Tech-Bereich, sondern auch in klassischen Wirtschaftszweigen wie der Agrarbranche. Das Tätigkeitsfeld bietet vor allem Jobchancen für Akademiker*innen, die einen engen Bezug zur Landwirtschaft haben.

Text: Anja Schreiber

Gerade in der Landwirtschaft sind nachhaltigkeitsorientierte Innovationen und Umstellungen notwendig. Dabei können sogenannte Agri-Start-ups eine wichtige Rolle spielen. Der Bundesverband Deutsche Startups geht aktuell von 374 Start-ups im Agrarbereich aus. Sie arbeiten zum Beispiel im Smart Farming und entwickeln Agrarmanagement-Systeme und App-basierte Betriebssteuerungen. Auch in der Robotik und Automatisierung sind Start-ups tätig, etwa im Bereich autonom fahrende Landmaschinen, Ernte- und Jät-Roboter. Andere Start-ups haben ihren Fokus auf Nachhaltigkeit, Klima und Energie oder entwickeln Lebensmittel im Labor.

„Viele Start-ups arbeiten sehr intensiv daran, Prozesse und Produkte effizienter zu machen“, berichtet Katharina Rock von der Arbeitsgruppe „Co-Design von Wandel und Innovation“ am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). Sie hat als Erstautorin in Zusammenarbeit mit weiteren Forscher*innen im Juni 2025 eine Studie zu Agri-Start-ups veröffentlicht. Die Studie stellte dabei große Unterschiede in den Ausrichtungen der Unternehmen fest: „Wir haben eine Tendenz beobachtet, dass Agri-Start-ups in städtischen Gebieten eher ganzheitliche Veränderungen anstreben und Agri-Start-ups im ländlichen, agrarisch geprägten Raum eher auf anwendungsorientierte und pragmatische Veränderungen abzielen.“

Agri-Start-up: Gefragte Studienrichtungen

Ein Beispiel aus einem städtischen Gebiet ist die Berliner Klim GmbH. Das Unternehmen bietet eine digitale Plattform sowie eine App, die landwirtschaftliche Betriebe und Unternehmen außerhalb des Agrarsektors verbindet – zum Wohl des Klimaschutzes. Klim unterstützt nämlich Landwirt*innen dabei, Emissionen zu reduzieren und vergütet sie dafür. Diese Vergütung wiederum wird durch Unternehmen finanziert, welche die Klim-Plattform nutzen, um ihre Emissionen auszugleichen.


Auch das Start-up Tiny Farms kommt aus Berlin. Dahinter steht das Konzept, Landwirtschaft durch ein Netzwerk von Mikrobetrieben zu dezentralisieren und ökologischer zu gestalten. Neben der Agrar- und FoodTech-Szene in Berlin gibt es auch an anderen Standorten in Deutschland sogenannte Innovations-Hubs und Acceleratoren. Dazu gehören etwa das RootCamp in Hannover, der AgriFood Hub an der Technischen Universität München und der Seedhouse Accelerator in Osnabrück. Oftmals beteiligen sich etablierte Unternehmen an diesen Acceleratoren. „Unternehmen aus der Industrie, etwa aus der Landtechnik, sowie Saatgutkonzerne suchen bewusst die Verbindung zu Start-ups und fördern sie aktiv, beispielsweise finanziell oder durch die Bereitstellung von Versuchsfeldern“, erklärt Katharina Rock.

Die Mitarbeiter*innen solcher innovativen Neugründungen haben meist einen Hochschulabschluss. Laut der 2019 erschienenen Studie „New Economy Agribusiness – Ausbildung und beruflicher Hintergrund von Entrepreneuren im deutschen Agribusiness“ hatten fast 95 Prozent der Gründer*innen im Agrar-Bereich einen Hochschulabschluss und über 70 Prozent verfügten vor der Gründung über berufliche Erfahrungen. Von den Fachrichtungen her waren vor allem die Ingenieurwissenschaften (31,8 Prozent) beziehungsweise Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (30,9 Prozent) vertreten.

„Gerade in Berlin sind Agri-Startup-Teams bunt gemischt. Dort kann es vorkommen, dass Personen aus den Fachbereichen Architektur oder Sozialwissenschaften an agrarwirtschaftlichen Innovationen mitwirken“, so Katharina Rock. Daneben sind dort Biolog*innen, Chemiker*innen und Techniker*innen zu finden, teilweise auch Umweltwissenschaftler*innen. In den meisten Neugründungen arbeiten jedoch Agrarwissenschaftler*innen.

Kenntnisse in Projekt- und Produktmanagement

Nicht nur die Ausrichtung der Start-ups ist vielfältig, sondern auch die Tätigkeitsprofile ihrer Mitarbeiter*innen. So werden neben Spezialist*innen wie Softwareentwickler*innen und Ingenieur*innen auch Fachkräfte gesucht, die eher generalistisch unterwegs sind, zum Beispiel als Produkt- oder Projektmanager*innen. Produktmanager*innen begleiten ein Produkt bei der Markteinführung und darüber hinaus. Projektmanager*innen organisieren Ressourcen, Prozesse und Teams und richten sie auf gemeinsames Ziel aus. Sie können aber auch in Marketing und Kommunikation tätig sein, dabei Marketingstrategien entwickeln sowie Social-Media-Kanäle und Websites betreuen. Da Start-ups in der Regel nur wenige Mitarbeiter*innen beschäftigen, sind die Angestellten dort oft interdisziplinär tätig. Sie können also etwa sowohl in der Entwicklung als auch im Vertrieb arbeiten.

Wie ein Stellenprofil aussehen kann, zeigte eine Ausschreibung des Start-ups Klim. Das Unternehmen suchte eine*n „(Senior) Account Manager Landwirtschaft – Vegetable and Fruit Farming (all Genders)“. Zu den Aufgaben gehörten unter anderem die Betreuung von Lieferkettenprojekten mit Unternehmen der Lebensmittelbranche als auch die Zusammenarbeit mit Landwirt* innen. Gesucht war also jemand, der das Projektmanagement strategisch entwickelt und umsetzt.

Wer für junge Unternehmen im Agrarbereich arbeiten möchte, sollten sich der Besonderheiten der Branche bewusst sein: Die Start-ups sind in einem besonders traditionell geprägten Umfeld tätig, was nicht ohne Auswirkungen bleibt. So fanden 2026 die Autor*innen einer weiteren ZALF-Studie Folgendes heraus: „Unsere Studie zeigt, dass Innovationen in der Landwirtschaft nicht allein wegen ihrer Ideen scheitern oder Erfolg haben. Entscheidend ist vielmehr, ob sie Zugang zu bestehenden Branchen-Netzwerken bekommen und ob dort Platz für ihr Wissen ist“, berichtet die Erstautorin Katharina Rock. So seien Agri-Start-ups häufig auf Vermittler*innen angewiesen, um überhaupt Zugang zu diesen Netzwerken zu bekommen.

Erfahrungen in der Landwirtschaft von Vorteil

Die ZALF-Studie hebt außerdem hervor, wie wichtig es ist, die landwirtschaftlichen Betriebe möglichst früh in Innovationsprozesse einzubeziehen. Schließlich sollen die neuen Techniken oder Geschäftsmodelle möglichst genau den Bedürfnissen der Landwirt*innen entsprechen, damit sie auf den Höfen auch genutzt werden. Katharina Rock sieht die soziale Dimension zwischen den verschiedenen Akteur*innen deswegen als einen wichtigen Erfolgsfaktor. Idealerweise sollten Gründer*innen von Start-ups und deren Mitarbeiter*innen deswegen in der Landwirtschaft verwurzelt sein, aber auch zusätzliche Erfahrungen außerhalb derselben gesammelt haben.

Wie sehr Start-ups auf einen landwirtschaftlichen Hintergrund setzen, zeigt auch die bereits erwähnte Stellenausschreibung der Klim GmbH. Bei den Anforderungen an die Bewerber*innen heißt es: „Du bist auf einem Betrieb groß geworden, hast eine landwirtschaftliche Ausbildung oder Studium absolviert.“

Welche Kompetenzen sind außerdem noch gefragt? Potenzielle Mitarbeiter*innen von Agri-Startups sollten sich mit dem Zusammenspiel von Landwirtschaft und Natur auskennen sowie mit den verschiedenen Entwicklungszyklen in der landwirtschaftlichen Primärproduktion, so Katharina Rock. „Auch ein grundsätzliches Verständnis der GAP, der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU, ist definitiv hilfreich, genauso wie erste Berührungspunkte mit der agrarwirtschaftlichen Arbeits- und Sozialkultur.“

Soziale Nähe, sprich geteilte Werte und Normen, und das Vertrauen, das landwirtschaftliche Betriebe in ihr Gegenüber setzen, seien ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Start-ups, so die Wissenschaftlerin.

Weitere WILA-Angebote