Eine idyllische Naturlandschaft im Sonnenuntergang mit Vogelschwarm.
Das Konzept von Rewilding bedeutet verkürzt soviel wie "Zurück zur Natur". Foto: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Renaturierung und Rewilding

Zwei Begriffe, zwei unterschiedliche Ansätze: Worum konkret geht es bei Rewilding und Renaturierung und was bedeutet es jeweils für akademische Fachkräfte in diesem Bereich? Ein Interview mit Ulrike Frenzel vom Verein Rewilding Oder Delta e.V.

Interview: Christine Lendt

WILA Arbeitsmarkt: Renaturierung ist längst ein zentrales Thema im Umwelt- und Naturschutz – doch immer häufiger fällt auch der Begriff „Rewilding“. Inwiefern unterscheiden und ergänzen sich beide Ansätze?
Ulrike Frenzel:
Beide Herangehensweisen sind wichtig und sollten idealerweise Hand in Hand gehen. Ziel von Renaturierung ist in der Regel geschädigte oder zerstörte Ökosysteme wieder herzustellen, etwa durch Wiedervernässung bei trocken gelegten Mooren oder den Rückbau von künstlichen Uferbefestigungen bei begradigten Flussläufen.

Rewilding geht hier noch ein paar Schritte weiter. Natürliche Prozesse sollen wieder so weit in Gang gesetzt werden, dass der Mensch ein Zuviel an Pflegemaßnahmen nicht vornehmen muss. Das kann durch das aktive Wiederansiedeln von Arten geschehen, aber auch dadurch, dass man selbstständig zurückkehrenden Arten die Wiederkehr erleichtert. Hier spielen vor allem durch Menschen geschaffene Infrastrukturen eine große Rolle bei der Zerschneidung von Lebensräumen. Rewilding versucht Korridore zu schaffen und Konflikte durch passendes Management zu reduzieren. Ziel von Rewilding ist die Förderung von Artenvielfalt, die eine Landschaft widerstandsfähiger macht – zum Beispiel gegenüber immer häufiger vorkommenden Extremwetterereignissen. Und damit dient Rewilding letztendlich auch uns Menschen, denn eine gesunde Natur ist unsere Lebensgrundlage.

Dabei können Rewilding-Maßnahmen ganz unterschiedlich aussehen, je landschaftlichen Gegebenheiten sowie Zustand und Größe des Gebiets, in dem sie stattfinden sollen. Im Unterschied zum traditionellen, oft pflegeintensiven Naturschutz verfolgt Rewilding also einen eher selbstregulierenden Ansatz, der mit geringeren Kosten verbunden ist und dadurch eine Entlastung für die angespannten Naturschutzhaushalte der Länder darstellen kann.

Rewilding Oder Delta e.V. initiiert solche Maßnahmen im Oderdelta zwischen Deutschland und Polen. Was heißt das in der Praxis?
Bei unserer Arbeit im Rewilding-Gebiet Oderdelta verfügen wir nicht über umfangreiche eigene Flächen und haben außerhalb von Projekten auch keinerlei Befugnisse. Stattdessen setzen wir auf die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort – ihre Akzeptanz und aktive Beteiligung sind entscheidend für den Erfolg.

Unsere Naturschutzprojekte verknüpfen wir also mit ökologisch ausgerichteten wirtschaftlichen Interessen. Das heißt, wir fördern den Vertrieb regionaler Produkte, naturschonenden Tourismus sowie eine naturnahe und möglichst ökologische Land- und Forstwirtschaft.

Um dies alles zu erreichen, arbeiten wir in mehreren Fachbereichen: Der Bereich ‘Wilder Nature’ umfasst Wildtiermonitoring, Wasserressourcenmanagement, Moorschutz und Wiedervernässung. Im Bereich ‘Nature for People’ dreht sich alles um die Einbindung lokaler Akteure, Naturtourismus und Kommunikation. Außerdem gibt es den internen Bereich ‘Finance and Administration’.

Welche Fachkräfte arbeiten im Verein?
Entsprechend dieser Aufgabenstellungen kommen unsere Mitarbeitenden aus verschiedensten Fachbereichen wie vor allem Umweltrecht, Naturschutz, Ökologie, Forstwirtschaft, Wasser-Ressourcenmanagement, Biologie, Landschaftsplanung, Ingenieur- und Umweltwissenschaften sowie Tourismus. Um die Organisation am Laufen zu halten, benötigen wir aber auch Fachkräfte aus den Bereichen Finanzen, Recht und Personalmanagement, Umwelt-, Wasser-, Infrastrukturmanagement, Kommunikation und Marketing.

Schon bei uns im Kernteam spiegelt sich die eben genannte Vielfalt wider – nicht nur bei den Studienabschlüssen, sondern besonders auch bei den oft umfangreichen praktischen Erfahrungen im Umwelt- oder Naturschutz, die viele von uns zuvor schon gesammelt haben und von denen nun unsere Projekte besonders profitieren.

Können Sie das anhand von Beispielen konkretisieren?
Beispielsweise hat Maximilian Stinnes, unser Referent für Artenschutz, nach seinem Studium der Forstwissenschaften in Göttingen und Dresden viele Jahre als Ranger und Jäger gearbeitet. Mit seinen Erfahrungen mit Wildtiermanagement unterstützt er nun unser Wildlife Comeback Team im Bereich Konfliktlösung, Aufklärung und Intervention für die Arten Biber und Luchs.

Den Bereich Meeresnaturschutz gibt es bei Rewilding Oder Delta natürlich auch, betreut von unserer Kollegin Laura Meinecke zusammen mit Ulrich Stöcker, Geschäftsführer und Team Leader Deutschland, und der Biologin Katrin Quiring als Projektreferentin für Meeres- und Küstenökosysteme. Laura Meinecke hat nach ihrem Bachelorstudium der Umweltwissenschaften in Lüneburg noch einen Master in Internationalem Naturschutz abgeschlossen, teils in Göttingen und teils in Neuseeland. Ihr dabei gesetzter Schwerpunkt Ökologie und Wildtierschutz bringt unsere Vorhaben weiter.

Für Renaturierung und Rewilding ganz besonders relevant sind übrigens auch Fachkräfte im Bereich der Kommunikation, da gerade der Naturschutz und fachähnliche Zweige hier teilweise noch in alten Mustern arbeiten, mit anderen Worten dringend kompetente Fachkräfte brauchen, die nicht nur „Naturwissenschaften können“. Unsere Kollegin Ilona etwa unterstützt unser gesamtes Team mit ihrer Erfahrung in den Bereichen Logistik, Eventorganisation und Übersetzung. Sie hat Germanistik an der Universität Stettin studiert und International Business Management an der Hochschule für Europäische Integration. Schon seit vielen Jahren engagiert sie sich auch in der Kinder- und Jugendbildung und im deutsch-polnischen Austausch.

Ich selbst bin beim Rewilding Oder Delta Ansprechpartnerin zu Themen der Kommunikation, sprich der Öffentlichkeitsarbeit, Social Media und Veranstaltungen. Hier kann ich mein Fachwissen aus dem Studium der Biologie mit dem aus einer Weiterbildung im Online-Marketing-Management ideal verbinden und einbringen.

Von fachlichen Qualifikationen mal abgesehen: Welche Kompetenzen und Soft Skills sind außerdem sinnvoll?
Erfahrung im Projektmanagement sollte möglichst schon vorhanden sein. Genauso gefragt sind in allen Bereichen Soft Skills wie Teamfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, eine selbstständige Arbeitsweise, Empathie, Offenheit und Aufgeschlossenheit auch für interdisziplinäre Zusammenarbeit. Da wir international vernetzt sind, sind außerdem Fremdsprachenkenntnisse und ein interkulturelles Bewusstsein gefragt. Dies gilt auch für viele andere Projekte im Bereich Renaturierung oder Rewilding.

Wie gestaltet sich diese internationale Zusammenarbeit speziell bei Rewilding Oder Delta?
Unser Netzwerk ist eingebettet in das der Stiftung Rewilding Europe, die 2011 in den Niederlanden gegründet wurde. Wir alle gemeinsam arbeiten daran, das Konzept von Rewilding in ganz Europa umzusetzen und auf größere Landschaftskomplexe auszurichten. Konkret hat es sich Rewilding Europe zum Ziel gesetzt in zehn Regionen Europas mindestens eine Million Hektar Fläche für Rewilding zu sichern. Gelungen ist dies bisher regional in Portugal, Schweden, Bulgarien, Italien, Kroatien, Spanien, Schottland und Rumänien sowie in der grenzüberschreitenden Donaudelta-Region zwischen Rumänien, Moldau und der Ukraine.

Was können Fachkräfte aus Biologie, Ökologie, Geografie oder Landschaftsplanung generell aus dem Rewilding-Ansatz mitnehmen?
Bei Rewilding kommt es besonders darauf an, die Komplexität der Landschaften zu erfassen und Ökosysteme ganzheitlich – Mensch inklusive – zu gestalten. Wer in den bereits erwähnten Bereichen der Regionalplanung tätig sein möchte, sollte diesen Rewilding-Ansatz mitdenken. Speziell bei fachlicher Expertise kann zum Beispiel biologisches und ökologisches Wissen um die Verhaltensweisen der Tiere von Nutzen sein, um Mensch-Tier-Konflikte zu reduzieren und ein weitgreifendes Verständnis zu schaffen. Die Besucherlenkung in sensiblem Gebieten wiederum setzt ein breites, fundiertes Fachwissen hinsichtlich Umweltbildung und Wissensvermittlung voraus.

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