Trotz Skandal: Jobs in der Entwicklungshilfe begehrt
Bei Naturkatastrophen strömen oft Tausende Helferinnen und Helfer ins Land. Der Großteil der Entwicklungszusammenarbeit läuft allerdings ganz anders ab (Foto: Enrico Di Cino/Fotolia).

Trotz Skandal: Jobs in der Entwicklungshilfe begehrt

Entwicklungshelfer feiern Sexpartys auf Haiti: Diese Affäre erschütterte vor kurzem die Hilfsorganisation Oxfam. Der Beliebtheit der Branche tut das keinen Abbruch. Doch die Entwicklungszusammenarbeit verändert sich gerade grundlegend.

Interview: Ann Christin Schneider

Im Februar 2018 wurden Berichte publik, nach denen Mitarbeiter der britischen Hilfsorganisation Oxfam in Haiti und im Tschad Sexpartys veranstaltet haben sollen. Der Skandal ist möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs: Auch andere Hilfsorganisationen melden Fälle von sexuellem Missbrauch, Belästigung oder Ausbeutung. Das hat Folgen: Nicht nur Spenderinnen und Spender ziehen sich zurück – mehr und mehr Expertinnen und Experten stellen die Entwicklungshilfe generell in Frage. Antje Schultheis (Foto: privat) ist Expertin für Entwicklungspolitik und Karrierecoach. Sie forscht zu entwicklungspolitischen Themen, berät zum Berufseinstieg und hat sich auf die Arbeit im Non-Profit-Bereich spezialisiert. Außerdem ist sie Initiatorin des Spinnennetzes, eines beruflichen Netzwerks für sinnstiftende Jobs.

WILA Arbeitsmarkt: Lassen Sie uns mal ein bisschen polemisieren: Gerät das Berufsbild des Gutmenschen, der sich zum Wohle anderer ohne Profitgedanken einsetzt, durch die Vorkommnisse bei Oxfam und anderen Organisationen ins Wanken?
Antje Schultheis: Ins Wanken gerät aus meiner Sicht in erster Linie das Bild, das sich Spenderinnen und Spender von den Organisationen machen, die sie unterstützen. Hier wird ganz klar Vertrauen verspielt. Ich würde aber nicht sagen, dass aufgrund dieses Skandals das gesamte Berufsbild ins Wanken gerät.

"Den klassischen Entwicklungshelfer, der vor Ort Brunnen baut, gibt es immer weniger."

Wie kann es überhaupt zu solchen Verfehlungen kommen?
Ein Großteil der NGO-Mitarbeitenden arbeitet heute im globalen Norden und setzt sich auf struktureller Ebene dafür ein, Lebens- und Wirtschaftsgrundlagen von Menschen – vornehmlich im globalen Süden – zu verbessern. Dabei arbeiten sie eng mit Partnerorganisationen vor Ort zusammen, die dann die Arbeit an der Basis übernehmen. Das hat sich also in den letzten Jahren verändert: Die Entwicklungshilfe setzt vorrangig auf partnerschaftliche Zusammenarbeit, Beratung und Unterstützung. Den klassischen Entwicklungshelfer, der vor Ort Brunnen baut, gibt es immer weniger.

Aber was passiert im Fall von Naturkatas­trophen, Epidemien und anderen Extrem­situationen?
Wenn kurzfristig viele Helfer in ein Krisengebiet kommen, um vor Ort – beispielsweise nach einer Naturkatastrophe – zu helfen, sind das nicht unbedingt die langjährigen NGO-Mitarbeiter, sondern oft kurzfristig angeworbene Kräfte, die für einen bestimmten, kürzeren Zeitraum in das Land gehen. In einer solchen Situation haben wir es mit einer absoluten Asymmetrie zwischen Arm und Reich, zwischen Hilflosigkeit und Macht zu tun – und das wirkt sich auf das gesamte System aus. In derartigen Extremsituationen kann es verstärkt zu einer Entgleisung von Moral und menschlichem Verhalten kommen. Diese Verfehlungen sind in keinem Fall zu entschuldigen, ich will aber deutlich machen, dass Machtmissbrauch durch diese Konstellation begünstigt wird.

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Was muss getan werden, damit sich solche Vorfälle nicht wiederholen?
Helfer in Krisensituation müssen noch besser ausgebildet werden. Sie brauchen fundierte interkulturelle Schulungen und müssen erfahren können, wie sie selbst in solchen Extremsituationen reagieren, bevor sie in den Einsatz gehen. Und sie müssen die Länder schnell wieder verlassen, sobald die Kapazitäten vor Ort wieder aufgebaut sind.

Sind die Vorwürfe, die sich gegen Oxfam und andere Organisationen richten, Thema in Ihren Beratungsgesprächen?
Ich werde demnächst wieder ein Seminar zum Thema „Einstieg in den NGO-Bereich" geben, da werden wir auch über diese Vorfälle sprechen. Im Einzelcoaching nimmt das Thema bisher keinen großen Raum ein; die Menschen, die zu mir kommen, haben sich meistens schon sehr intensiv mit dem Berufsfeld auseinandergesetzt, Pro und Contra reflektiert und planen nun ihre nächsten Schritte.

"Der Beruf des Entwicklungshelfers ist nach wie vor gesellschaftlich sehr anerkannt und bringt auch eine ganz kleine Prise von Heldentum mit sich."

Was motiviert denn die Menschen, die zu Ihnen kommen, eine Karriere im Non-Profit-Bereich und speziell in der Entwicklungszusammenarbeit anzustreben?
In erster Linie das Bedürfnis nach einer sinnstiftenden Tätigkeit. Die Menschen wollen einer Arbeit nachgehen, mit der sie gesellschaftliche Wirkung entfalten – und das kann man in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit sehr gut.

Das könnte man doch aber auch mit einer Arbeit im sozialen Bereich oder in der Flüchtlingshilfe hier in Deutschland.
Ich merke, dass es gerade bei jüngeren Menschen ein Mix aus Abenteuerlust und Gestaltungsfreiheit ist, der sie antreibt. Der Beruf des Entwicklungshelfers ist nach wie vor gesellschaftlich sehr anerkannt, gilt als ehrenwert und bringt auch eine ganz kleine Prise von Heldentum mit sich.

Auf der anderen Seite stehen befristete Verträge, viel Arbeit, wenig Lohn. Wie groß ist die Gefahr, sich von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten zu hangeln?
Die Generation Praktikum gibt es seit der Einführung des Mindestlohns de facto nicht mehr. Tatsächlich ist es aber nach wie vor so, dass in den NGOs viele Teilzeitstellen ausgeschrieben werden, auch wenn klar ist, dass das Arbeitsaufkommen faktisch höher ist. Die Gehälter sind zwar erfreulicherweise in den letzten Jahren gestiegen. Nichtsdestotrotz kann man von den meisten Teilzeitgehältern keine Familien ernähren. Eine aktuelle Studie widmet sich dem Thema Frauen in NGOs und zeigt ganz klar: Der Markt ist sehr weiblich. Viele Frauen nehmen geringe Gehälter in Kauf, weil sie weniger das Geld antreibt als der Idealismus und das Prestige des Berufs.

"Wenn Ihnen Sicherheit, finanzieller Wohlstand und langfristige Planbarkeit wichtig sind, dann sind Sie bei einer NGO sicherlich falsch."

Mit welchen Strategien können Bewerberinnen und Bewerber hier entgegenwirken?
Hart in der Sache bleiben, sich nicht runterhandeln lassen, eher bei den anfänglichen Konditionen der Einarbeitungszeit nachgeben, aber dann für die richtige Stelle ein gutes Gehalt ausmachen. Und wenn Sie den Job dann haben, sollten Sie auf jeden Fall für sich ein Stundenbuch führen – und bei regelmäßiger Mehrarbeit Ihre Stunden erhöhen.

Wem empfehlen Sie eine Karriere im Bereich Entwicklungszusammenarbeit, und warum lohnt sie sich aus Ihrer Sicht?
Wenn Ihnen Sicherheit, finanzieller Wohlstand und langfristige Planbarkeit wichtig sind, dann sind Sie bei einer NGO sicherlich falsch. Der Beruf erfordert viel Flexibilität und Einsatzbereitschaft. Ich empfehle jedem, unbedingt schon während des Studiums Praktika zu machen und sich selbst in diesem Berufsfeld auszutesten. Weltwärts-Programme stärken die interkulturelle Kompetenz und erweitern die Auslandserfahrungen. Nach dem Studium bieten Trainee-Verträge eine gute Einstiegsmöglichkeit in den Beruf. Wer nach einer Tätigkeit mit großen Gestaltungsspielräumen sucht, dem bietet die Entwicklungszusammenarbeit sicher erfüllende Perspektiven.

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