Wie Arbeitslosigkeit unter die Haut geht
Arbeitslose koppeln sich häufig ab. Aus guten Gründen. Doch dadurch verstärken sich ihre Probleme. Foto: © artush / Fotolia.de

Wie Arbeitslosigkeit unter die Haut geht

Selbstzweifel, Existenzängste, schlaflose Nächte: Keinen Job zu haben, ist eine bittere Erfahrung. Hier erzählen Arbeitslose, wie es ihnen ergangen ist und wie sie aus dem Loch wieder herausgekommen sind.

Von Daniela Lukaßen

Wer schon einmal seinen Job verloren oder nach dem Hochschulabschluss lange erfolglos nach einer Stelle gesucht hat, weiß, welche Auswirkungen es haben kann, arbeitslos zu werden: Nächte, in denen man kaum ein Auge schließen kann, weil sich das Gedankenkarussel dreht, Existenzängste, weil Miete, Auto etc. bezahlt werden müssen, und die Angst vor der Zukunft, die einen immer wieder überkommt.

Arbeitslosigkeit belastet. Auch wenn die Lage am Arbeitsmarkt für Akademiker gemeinhin immer als sehr positiv beschrieben wird und die Arbeitslosenquote mit 2,5 Prozent im Jahr 2013 laut der Arbeitsmarktberichterstattung „Gute Bildung – gute Chancen. Der Arbeitsmarkt für Akademikerinnen und Akademiker“ der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2013 sehr niedrig gewesen ist, sind Akademiker nicht vor Arbeitslosigkeit sicher. In gewisser Hinsicht sind sie sogar im Einzelfall noch viel stärker erschüttert.

„Die Sportkurse waren das Einzige, was mir eine vernünftige Tagesstruktur gegeben hat“

„Als ich die Kündigung bekommen habe, war ich zunächst geschockt“, erzählt Anna Marcs (Name geändert). „Mir wurde signalisiert, dass mein befristeter Vertrag nach zwei Jahren in einen unbefristeten umgewandelt würde. Als ich dann zum Gespräch bei meinem Chef gebeten wurde und er mir sagte, dass man mir aus wirtschaftlichen Gründen kündigen müsse, war ich fassungslos. Aber ich dachte noch, ich finde schnell wieder was. Aber irgendwie hat es doch länger gedauert als vermutet.“

Monatelang bewarb sich Anna Marcs, wurde zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, kassierte unzählige Absagen. „Ich wusste irgendwann nicht mehr so recht, was ich machen soll und woran es lag. Mit jedem Gespräch habe ich größere Selbstzweifel bekommen.“ Um nicht in absolute Lethargie zu verfallen, wurde Anna Marcs Dauergast im Fitness-Studio. „Die Sportkurse waren das Einzige, was mir eine vernünftige Tagesstruktur gegeben hat“, stellt die 29-Jährige fest.

"Man macht sich kleiner, als man ist und fühlt sich als Bittsteller"

Fünf Monate lang suchte sie ohne Erfolg. „Ich habe zwar hin und wieder Stellenvorschläge von der Bundesagentur für Arbeit bekommen, aber leider ist daraus auch nichts geworden. Oft war ich überqualifiziert, manchmal wurden Menschen mit einem ganz anderen Profil gesucht.“ Nach dem x-ten Vorstellungsgespräch wurde Anna Marcs bewusst, dass sie Unterstützung braucht. „Ich habe mich dann bei meiner Arbeitsagentur bezüglich eines Bewerbungscoachings erkundigt. Dort kam dann raus, dass ich viel zu unsicher auftrete und dies durchaus ein Grund für die Absagen nach den Vorstellungsgesprächen gewesen sein könnte.“ 

Ein Punkt, der sich von Mal zu Mal zu verschlimmern schien, wie die junge Frau meint. „Ich habe mich in jedem Gespräch mehr als Versagerin gefühlt. Und das strahlt man dann natürlich auch aus. Man macht sich kleiner, als man ist und fühlt sich als Bittsteller, der mit allem zufrieden sein muss, was einem geboten wird.“ Heute hat die 29-Jährige wieder eine Stelle. „Die ist zwar auch befristet, aber ich hoffe auf eine Verlängerung. Für mich ist es erst einmal das Wichtigste, dass ich endlich raus aus der Arbeitslosigkeit bin. Denn es ging mir damit sehr schlecht.“ 

Im "Kampfmodus"

Ein Punkt, mit dem sie nicht alleine ist. Im Durchschnitt geht es Arbeitslosen, was ihr Wohlbefinden und ihre psychische Gesundheit betrifft, erheblich schlechter als Erwerbstätigen. Welche individuellen Auswirkungen Arbeitslosigkeit jedoch hat, lässt sich nicht pauschal sagen. Das betont auch Dr. Benedikt Rogge. Er arbeitet als Forscher an der Bremen International Graduate School of Social Sciences. Seine Dissertation hat er mit dem Titel „Wie uns Arbeitslosigkeit unter die Haut geht“ geschrieben. Es handelt sich dabei um „eine Studie zu Selbstbild und psychischer Gesundheit von Arbeitslosen“. „Für viele Menschen ist Arbeitslosigkeit eine schwere psychische Last“, erläutert Rogge. „Andere Menschen hingegen leiden allerdings kaum. Einige sehen ihre Arbeitslosigkeit sogar als Gewinn oder Befreiung an.“

In seiner Dissertation hat er verschiedene Identitätsmodi herausgearbeitet. So würden sich geringqualifizierte Menschen mit sogenannten prekären Erwerbsbiographien, also Personen, die immer wieder mit der Situation der Arbeitslosigkeit konfrontiert sind, im „Modus der Umstellung“ befinden. Für diese Personen mache es erstaunlicherweise psychisch kaum einen Unterschied, erwerbstätig oder arbeitslos zu sein. Menschen, die hingegen Angst hätten, aufgrund der Arbeitslosigkeit sozial abzusteigen und für die die Arbeit eine wichtige und entscheidende Rolle in ihrem Leben spielt, würden sich infolge der Arbeitslosigkeit häufig im sogenannten „Kampfmodus“ befinden. 

„Für sie steht ihr altes Ich auf dem Spiel“, sagt Rogge. Die psychische Belastung durch die Arbeitslosigkeit sei bei dieser Gruppe besonders groß. „Viele Menschen weisen Depressivitäts-, Ängstlichkeits- und Aggressivitätssymptome auf, die die Schwelle zu einer klinisch relevanten Erkrankung überschreiten“, sagt Rogge. Häufig würde sich die Gefühlswelt der Betroffenen im Laufe der Arbeitslosigkeit verändern. „Zu Beginn einer Arbeitslosigkeit befinden sich viele Menschen in einer Grübelspirale“, erklärt er. „Alles kreist dabei um die Frage, was kommen wird.“

Typisch für viele Betroffene seien in dieser Zeit etwa Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Auch depressive Symptomatiken kämen häufig vor. „Ein großes Problem besteht insbesondere darin, dass sich die Betroffenen häufig sozial isolieren.“ In vielen Fällen würden sich die Betroffenen mehr und mehr aus dem sozialen Leben zurückziehen, um etwa den Reaktionen anderer Menschen zu entgehen. „Der Druck auf die Betroffenen wächst insbesondere in Umfeldern, in denen Arbeitslosigkeit flächendeckend stigmatisiert, tabuisiert oder katastrophisiert wird“, erläutert Rogge.

Um mit einer Arbeitslosigkeit besser umgehen zu können, rät er den Betroffenen dazu, sich sogenannte „alternative Quellen des Selbstwertes“ zu suchen. „Das bedeutet, man sollte versuchen, sich unabhängig von einer Arbeitsstelle wertvoll zu machen, damit nicht nur die Arbeitslosigkeit das Selbstbild prägt.“ Häufig aber sei das für einen erwerbslosen Menschen nicht so einfach. „Viele Betroffene sind beispielsweise kaum in der Lage, sich auch noch ehrenamtlich zu engagieren, weil sie zu sehr mit der Situation als solcher beschäftigt sind, sich bewerben und um den Erhalt ihres alten Lebens kämpfen müssen.“

In jedem Fall sei es wichtig, sich eine Struktur zu schaffen, um das Wegbrechen des gewohnten Tagesablaufes aufzufangen. Das gelte für Frauen wie für Männer. Denn während man lange Zeit davon ausgegangen sei, dass Männer ein größeres Problem mit Arbeitslosigkeit hätten als Frauen, sei das in der Realität nur in männerdominierten Arbeitsmärkten – wie in Deutschland – der Fall. „Wenn man beispielsweise nach Skandinavien schaut, stellt man fest, dass Frauen dort sogar noch stärker unter Arbeitslosigkeit leiden als Männer, weil sie in größerem Umfang als hierzulande Teil des ersten Arbeitsmarktes sind“, so Rogge. Ausschlaggebend sei dabei die Rolle, die Arbeit im Leben eines Menschen spiele. „Ist der Beruf zentral für die eigene Identität, leidet man natürlich mehr als ein Mensch, für den auch noch andere Bereiche und Rollen eine große Bedeutung haben und für den die Arbeit nur eine von verschiedenen Facetten seines Selbstbildes ist.“ 

Im Leben von Daniel Montag (Name geändert) habe Arbeit immer eine wichtige Rolle gespielt, berichtet der 34-Jährige. Nach nur wenigen Monaten sei ihm seine letzte Stelle infolge wirtschaftlicher Umstrukturierungen im Unternehmen wieder gekündigt worden. „Ich arbeite gerne und viel“, beteuert er. „Die Arbeitslosigkeit war für mich darum eine Katastrophe. Dazu kam, dass ich nicht viel gespart hatte und gerade in eine größere und natürlich auch teuere Wohnung gezogen war.“

Mit dem Zeitpunkt der Kündigung, so erzählt Montag, sei seine Welt ein wenig zusammengebrochen. „Ich habe unzählige Bewerbungen geschrieben, immer wieder geschaut, ob ich vielleicht eine Email mit einer Einladung zu einem Vorstellungsgespräch erhalten habe, permanent aufs Handy geguckt, ob vielleicht eines der Unternehmen anruft. Das war schon fast zwanghaft.“ Den Kontakt zu Freunden und Bekannten brach er fast komplett ab. „Ich hatte keine Lust, mit meiner schlechten Laune ewig der Spielverderber zu sein. Außerdem hatte ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich Geld ausgegeben habe.“

Auch in Gesprächen hatte Daniel Montag das Gefühl, nicht mehr mithalten zu können. „Wenn andere von Ärger im Beruf berichtet haben, kam ich mir furchtbar vor. So, als würde ich in einer ganz anderen Welt leben. Ich wusste gar nicht mehr, was ich erzählen sollte. Ich hatte ja nichts, über das es sich zu reden gelohnt hätte.“ Auch wenn er heute wieder eine Stelle hat, nagt die Zeit der Arbeitslosigkeit noch immer an ihm, wie er sagt. „Ich habe immer noch Angst, dass ich auch nun wieder meinen Job verlieren könnte und dass die Kündigung damals an mir und meinen Kompetenzen lag.“

"Oft definieren sich Menschen über ihre Arbeit und fühlen sich nur über ihre Arbeit wertgeschätzt."

Susanne Dolstra coacht Menschen wie Daniel Montag. Sie hilft den Betroffenen dabei, wieder ein Selbstwertgefühl aufzubauen und sich der Situation zu stellen, anstatt sich von ihr überrennen zu lassen. „Wenn man arbeitslos wird, ist das für die meisten Menschen zunächst ein Schock. Sie fühlen sich wie in Trance und sind nicht selten handlungsunfähig“, erzählt die Beraterin. Eine Zeit beginnt, die man mit einer Achterbahnfahrt der Gefühle vergleichen kann. Ein Zustand, der sich im Laufe der Zeit ins Negative verändert und oftmals in der Resignation endet. „Wenn sich die Menschen dann bewerben, aber nur Absagen erhalten, beginnen bei vielen meiner Klienten die Selbstzweifel“, erklärt Dolstra. „Bei vielen können diese bis hin zu Depressionen führen.“ 

Mit den Menschen, die bei ihr Unterstützung suchen, erarbeitet die Trainerin ganz individuelle Lösungswege, damit sie besser mit der Arbeitslosigkeit umgehen können, wieder Selbstbewusstsein erlangen und somit perspektivisch auch wieder bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. „Ich schaue mir die Lebensläufe aller Klienten zunächst genau an und versuche, jeden Menschen genau kennenzulernen, ehe ich mit ihnen Perspektiven erarbeite“, sagt Dolstra. „Denn eine allgemeingültige Aussage, was für den jeweiligen Menschen der richtige Weg ist, lässt sich nicht treffen.“

Oftmals helfe es den Betroffenen, sich zunächst eine Aktivität zu suchen, die ihnen einen strukturierten Tagesablauf bietet und die ihnen das Gefühl gibt, auch weiterhin – ganz unabhängig von ihrer Arbeit – gebraucht zu werden, wie Dolstra sagt. Ein Punkt, der vielen Arbeitslosen nicht leicht fällt. Denn oftmals definieren sich Menschen über ihre Arbeit und fühlen sich nur über ihre Arbeit wertgeschätzt.

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Das kennt auch Martin Walsberg (Name geändert). Der 33-jährige Historiker ist seit einigen Monaten arbeitslos. „Zuletzt habe ich ein Volontariat in der Pressestelle eines Energieversorgers gemacht“, erzählt er. „Nach zwei Jahren endete der Vertrag automatisch. Eigentlich dachte ich, dass ich schnell wieder etwas anderes finden würde.“ Seitdem schreibt Walsberg Bewerbungen. Bislang ohne Erfolg. „In der ersten Zeit fand ich das Ganze gar nicht so schlimm. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass man etwas Zeit braucht, um die erste richtige Stelle zu finden.“

Inzwischen aber haben die meisten seiner Freunde und Bekannten eine feste Arbeitsstelle gefunden. „Und ich suche immer noch. Und auch wenn meine Freunde es nicht offen sagen, denke ich immer, sie fragen sich, was ich falsch mache.“ Den Kontakt zu einigen Bekannten hat der Geisteswissenschaftler schon abgebrochen, wie er sagt. „Ich konnte es irgendwann nicht mehr ertragen, mir anzuhören, wie stressig ihr Job ist. Denn ich würde mich freuen, an ihrer Stelle zu sein. Und als dann noch Sprüche kamen, wie: ‚Du hast es gut, kein nerviger Chef und jeden Tag frei. Manchmal würde ich gerne mit dir tauschen‘, hatte ich genug.“

Zusätzlich zu dieser Belastung kamen bei Martin Walsberg mehr und mehr auch körperliche Beschwerden. „Ich schlafe ziemlich schlecht, weil ich mir permanent Gedanken mache. Ich bin nervös und habe manchmal das Gefühl, dem Ganzen nicht gewachsen zu sein. Weder psychisch noch körperlich.“ Inzwischen macht Martin Walsberg zwar eine Weiterbildung im PR-Bereich, die durch das Arbeitsamt finanziert wird; die Angst, dass sich die Situation nicht ändern könnte, bleibt aber nach wie vor. „Meine größte Sorge ist, gar nichts mehr zu finden. Aber ich hoffe natürlich, dass ich durch die Weiterbildung bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben werde.“

Wie ein Mensch seine Arbeitslosigkeit empfinde, hänge von ganz unterschiedlichen Dingen ab, wie Dr. Martin Hertkorn, Vorstandsvorsitzender des INQUA-Instituts für Coaching in Berlin betont. „Der Grad des Leidens ist abhängig von Dauer der Arbeitslosigkeit, von den gefühlten künftigen Chancen und von der Länge des vorausgegangenen Beschäftigungsverhältnisses“, erklärt er. Das bedeute, je länger die Beschäftigung gedauert habe, desto stärker werde die Trennung wahrgenommen. Hertkorn vergleicht das mit dem Trennungsschmerz nach einer partnerschaftlichen Beziehung. Doch auch andere Faktoren sind für den Gefühlszustand von Arbeitssuchenden bedeutsam. Etwa das Alter der Betroffenen oder der Verantwortungsdruck. „Je nachdem, ob man das alleinversorgende Familienmitglied ist oder das partnerschaftliche Gegenüber Sicherheit bietet“, erläutert der Coach. Aber auch die wirtschaftlichen Verhältnisse im Allgemeinen und die Kompetenz, mit Krisen umgehen zu können, seien ausschlaggebend.

Was aber können die Betroffenen konkret unternehmen?

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Durchhalten und weitermachen - auch wenn es schwer fällt. Foto: © bluedesign / Fotolia.de 

Besonders wichtig sei es, das eigene Selbstbewusstsein auszubauen, wie Hertkorn hervorhebt. „Etwa durch das Bewusstmachen von Stärken: Welche Aufgaben habe ich in meinem Leben schon bewältigt und welche Stärken habe ich dabei gezeigt? Welche Krisen habe ich schon überstanden und welche Kompetenzen habe ich dabei entwickelt?“ Außerdem sei es wichtig, die Selbstmotivation zu steigern.

Hertkorn erläutert: „Ich male mir einen beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft aus, zu dem sich alles nach meinen Wünschen entwickelt hat. Ich beschreibe diesen Tag in der Form, als würde ich einem alten Freund erzählen, wie ich diesen Tag gestaltet habe. Ein solches Bild strahlt eine starke Kraft aus. In einem zweiten Schritt beschreibe ich die Zwischenstufen, die mich dorthin geführt haben.“

Darüber hinaus gelte es, die eigene Zuversicht zu stärken. Dabei sei es hilfreich, eine Liste zu erstellen, auf der der Betroffene festhält, welche äußeren Faktoren mit der aktuellen Situation zu tun haben. So ließe sich eine Selbstabwertung verhindern. Mit den äußeren Faktoren meint Hertkorn etwa die Arbeitsmarktsituation sowie saisonale Schwankungen. „Wir arbeiten mit biographie-analytischen Methoden“, erklärt er. „Das heißt, wir möchten den Menschen bewusst machen, welche Stärken sie haben und welche Ressourcen eine wichtige Rolle für sie spielen könnten.“ 

Der Coach rät allen Betroffenen zur Optimierung der Bewerbungsstrategien. Sehr wichtig sei ein Realitätscheck. „Man sollte sich nur auf solche Stellen bewerben, für die es auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit auf Erfolg gibt. Sonst führt das nur zu unnötigen, frustrierenden Absagen“, sagt er. Auch das Thema Netzwerken dürfe nicht unterschätzt werden. „Das persönliche Netzwerken wird immer wichtiger. Viele Menschen haben da Hemmungen“, sagt Hertkorn. Wichtig sei darum besonders die richtige innere Haltung. „Die sollte lauten: Ich kann in mein Netzwerk auch Dinge einbringen – und wenn es nur ein guter Urlaubstipp, ein Rezept für Kirschmarmelade oder die Empfehlung eines Kinderarztes ist.

Die Haltung, das Netzwerk muss gleich einen Job ausspucken, ist hinderlich“, erklärt der Coach und empfiehlt die Einbeziehung von Social Media-Kanälen. „Social Media wie Xing, LinkedIn und Jobsuchmaschinen sind weitere Bausteine, um gut gefunden zu werden. Auch führt die Beschäftigung damit zur Bewusstmachung und Schärfung des eigenen Profils“, sagt Hertkorn und fügt hinzu: „Zu guter Letzt gilt: Unsere Arbeitswelt ist derart spezialisiert, dass es praktisch keinen Job mehr gibt, für den ein Neueinsteiger gleich alle Kompetenzen mitbringt. Dies bedeutet, dass Mut zur Lücke und die Bereitschaft, stets dazuzulernen, Grundvoraussetzung für die berufliche Neuorientierung sind.“

Arbeitslosigkeit wirft die meisten Menschen erst einmal aus der Bahn. Und insbesondere Personen, denen ihr Beruf wichtig ist, die sich über ihre Stelle definieren und die lange auf einen bestimmten Job hingearbeitet haben, leiden unter  Erwerbslosigkeit. Gerade dann, wenn sie länger anhält und ein Ende nicht in Sicht ist. Eine allgemeingültige Regel zum Umgang damit gibt es nicht. Dazu muss jeweils ganz individuell geschaut werden, warum diese Tatsache den jeweiligen Menschen so sehr belastet und welche Punkte es sind, die sein Leiden verstärken.

Eines aber ist immer gleich: Die soziale Isolation, die für viele der Betroffenen mit der Arbeitslosigkeit einhergeht, verschlimmert die Situation häufig. Der Kontakt zu Freunden und Bekannten ist für die meisten Menschen wichtig. Und auch die Schaffung einer Tagesstruktur, etwa durch ehrenamtliches Engagement und sportliche Aktivitäten, können dabei helfen, besser mit der Situation umgehen zu können. Parallel gilt es, sich auch weiterhin auf die Stellensuche zu konzentrieren. 

Waren Sie auch schon einmal arbeitslos? Wie sind Sie mit der Situation umgegangen? Haben Sie einen Tipp für unsere Leserinnen und Leser? Wir freuen uns über eine E-Mail an redaktion@wila-arbeitsmarkt.de.

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