Energiegenossenschaften: Welche Jobs gibt es?
Beispielsweise bei der Planung und Umsetzung großer PV-Anlagen, die von bürgerschaftlichen Genossenschaften getragen werden, kommen spezialisierte Projektmanager*innen zum Zuge. Foto: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Energiegenossenschaften: Welche Jobs gibt es?

Mittels Bürgerenergie-Genossenschaften erzeugen die Menschen in einer Region Strom aus erneuerbaren Energien und nutzen ihn teils selbst. Damit solche Anlagen ans Netz gehen können, sind spezialisierte Projektmanager*innen gefragt – der Sozialwissenschaftler Fabian Stoffel ist einer davon.

Text: Anja Schreiber

Von Bürger*innen organisierte Stromerzeugung etwa durch Windkraft oder Solar stärken nicht nur die dezentrale Energieversorgung abseits der Konzerne, sondern schaffen auch Akzeptanz für lokale Energiewendeprojekte. Das Planen, Bauen und Betreiben übernehmen ab einer gewissen Größe Projektmanager wie Fabian Stoffel. Er arbeitet als Projektentwickler für Photovoltaik-Freiflächen (PV-Freiflächen) bei der in Heidelberg ansässigen „Bürgerwerke eG“. Mit mehr als 135 Bürgerenergie-Genossenschaften ist sie die größte Dachgenossenschaft in diesem Bereich.

„Wir übernehmen für die einzelnen Bürgerenergie-Genossenschaften die Projektentwicklung und damit das Risiko, das damit einhergeht“, erklärt Fabian Stoffel. Gerade bei größeren Anlagen werden die Kosten beträchtlich. „Bevor klar ist, ob ein Projekt überhaupt gebaut werden kann beziehungsweise darf, sind mehrere 10.000 bis 100.000 Euro für Gutachten und Planungskosten nötig. Dieses Geld ist im schlimmsten Fall verloren! Deshalb übernehmen wir als Bürgerwerke diese Kosten.“ Außerdem hat das Projektmanagement durch die Dachgenossenschaft einen weiteren Vorteil: Die hauptamtlichen Mitarbeiter*innen kennen sich mit den teils umfangreichen bürokratischen Prozessen aus. „Dieses Know-how ist bei vielen kleinen lokalen Bürgerenergie-Genossenschaften nicht im gleichen Umfang vorhanden“, weiß der Experte.

Die Projekte von Fabian Stoffel dauern in der Regel drei Jahre und umfassen die gesamte Entwicklung bis hin zur Baugenehmigung. Bei Bedarf unterstützen die Bürgerwerke auch bei der konkreten Umsetzung. „Alles beginnt mit der sogenannten Flächensichtung. Ich helfe den lokalen Genossenschaften bei der Flächensuche und -bewertung“, berichtet Fabian Stoffel. Dazu recherchiert er beispielsweise in Datenbanken, ob sich die Fläche für den Bau einer PV-Anlage eignet. Gehört sie etwa zu einem Natur- oder Trinkwasserschutzgebiet, ist das nicht der Fall. Fabian Stoffel ergänzt: „Ich beauftrage auch Fachbüros, die zum Beispiel eine Umweltprüfung der Fläche vornehmen.“ Passt das anvisierte Gebiet, übernimmt der Projektmanager die Ansprache der Eigentümer*innen und Gemeinden.

Wie funktioniert Bürgerenergie?

Zu Fabian Stoffels Aufgaben gehört es auch, bei Bedarf ein Bauleitplanungsverfahren anzustoßen. In diesem formellen Prozess erstellen die Gemeinden einen Flächennutzungs- oder Bebauungsplan, um ihre städtebauliche Entwicklung zu steuern. Fabian Stoffel ergänzt: „Außerdem stellen wir Vertragsvorlagen wie Pachtverträge bereit und führen Wirtschaftlichkeitsberechnungen durch.“ Dafür muss der Projektentwickler die aktuellen Rahmenbedingungen kennen. „Regelmäßig gibt es neue gesetzliche Regelungen. Zudem haben aktuelle Krisen starke Auswirkungen auf den Energie- und Finanzmarkt. Deshalb kann eine Projektkalkulation schnell überholt sein. Unter Umständen ist ein Projekt rechtlich nicht mehr möglich.“

Der Projektmanager betont, dass größere Projekte wie PV-Freiflächenanlagen höhere Anforderungen an die Planung stellen als Kleinprojekte, die oft von lokalen Genossenschaften initiiert werden – beispielsweise die Photovoltaik-Anlage auf einem Feuerwehrhaus. Dennoch könnte sich nach Erfahrung von Fabian Stoffel der Aufwand für große Projekte durchaus lohnen – und sogar Jobs schaffen: „Größere Anlagen haben viele Vorteile für Bürgerenergie-Genossenschaften. Sie liefern mehr Leistung, führen zu mehr Stromertrag und zu höheren Einnahmen. Solche Projekte sind außerdem eine gute Möglichkeit zur Mitgliederwerbung. Sie steigern den Bekanntheitsgrad der örtlichen Genossenschaft.“ Allerdings könne das Projektmanagement dann eben nicht mehr ehrenamtlich geleistet werden. Es bedürfe einer Professionalisierung und dafür brauche es hauptamtliche Mitarbeiter*innen. „Höhere Erlöse ermöglichen ehrenamtlichen Genossenschaften also den Weg ins Hauptamt“, so der Experte.

Fabian Stoffel kümmert sich außerdem um die Öffentlichkeitsarbeit. „Es ist sinnvoll, die Öffentlichkeit frühzeitig in die Planungen miteinzubeziehen und nicht erst dann, wenn sie von Amts wegen beteiligt werden muss. Das kann beispielsweise durch Informationsveranstaltungen oder Pressemitteilungen geschehen“, erklärt er. Der Projektentwickler ist dann oft als Referent oder Interviewpartner gefragt und unterstützt die Genossenschaften vor Ort. „Gerade bei Veranstaltungen gibt es auch kritische und manchmal unangenehme Fragen. Das muss ich aushalten können. Aber manchmal bekommt so ein Nörgler auch Gegenwind vom Publikum selbst. Das freut mich dann.“

Bürgerenergie: Quereinstieg möglich

Fabian Stoffels Weg zum hauptamtlichen Projektmanager führte über das Ehrenamt: „Während meines Studiums der Sozialwissenschaften habe ich mich in meiner Freizeit in der lokalen Energiegenossenschaft meines Heimatorts Herford engagiert.“ Eine Zeit lang managte er als Minijobber Bürgerenergieprojekte. „Die Stelle bei den Bürgerwerken eG ist mein erster richtiger Job“, berichtet der Bachelor-Absolvent der Sozial- und Politikwissenschaften, der auch seit längerem lokalpolitisch aktiv ist.

Der Werdegang von Fabian Stoffel zum Projektmanager ist in gewisser Weise typisch, weil er so untypisch ist. „Viele Leute, die in der Entwicklung großer Energieprojekte arbeiten, sind Quereinsteiger*innen. Sie haben ganz unterschiedliche Fächer studiert. Es gibt zum Beispiel Geograf*innen und Sozialwissenschaftler*innen, aber auch Ingenieur*innen und Wirtschaftsingenieur*innen“, berichtet Fabian Stoffel. Entscheidend sei nicht so sehr die Fachrichtung des Studiums, sondern eine Vielzahl verschiedener Kompetenzen und Fähigkeiten. „Als Projektmanager*in braucht man zum Beispiel Kenntnisse in der sogenannten Flächensicherung, bei der es um das Anpachten oder Kaufen von Flächen für Windkraft- oder Photovoltaikanlagen geht“, weiß Fabian Stoffel. Hilfreich sei dabei geografisches Know-how, um die Flächen analysieren zu können. Wissen im Bereich der Kommunalpolitik sei ebenfalls wichtig: „Man sollte sich mit kommunalen Genehmigungsverfahren und Verwaltungsvorgängen auskennen.“ Worauf es im Projektmanagement gar nicht so sehr ankomme, ist das Verständnis von der Technik der Energieanlagen.

Konfliktlösungskompetenz, Kompromissbereitschaft sowie Kommunikationsfähigkeit sind zudem wichtige Soft Skills von Projektmanager*innen. „In meinem Beruf spricht man viel mit unterschiedlichen Menschen und Institutionen, zum Beispiel mit Behörden, Bürger*innen und Bürgerenergie-Genossenschaften“, so Fabian Stoffel. „Außerdem stehe ich mit Biolog*innen, Architekt*innen, Baufirmen und verschiedenen Fach- und Planungsbüros in Austausch.“

Projektmanagement in der Bürgerenergie

Während die Projektmanager*innen in der Dachgenossenschaft „Bürgerwerke eG“ fest angestellt sind, ist das in lokalen Genossenschaften seltener der Fall. „Wenn dort hauptamtliche Projektmanager*innen gesucht werden, wird in der Regel erwartet, dass die Bewerber*innen Berufserfahrung in der Projektentwicklung haben. Natürlich sind Erfahrungen im Energiebereich oder in der Bürgerenergie hilfreich“, so Fabian Stoffel. Wer erst einmal Erfahrung in solchen kleineren Genossenschaften gesammelt hat, für den bieten sich weitere Jobchancen, zum Beispiel bei klassischen Energieunternehmen oder in Planungsbüros.

„Für mich ist die Arbeit bei den Bürgerwerken ein Glücksfall, denn ich habe einen Job, der Sinn macht: Ich leiste einen Beitrag zur Energiewende“, betont Fabian Stoffel. „Jeden Tag lerne ich viel dazu, denn kein Projekt ist wie das andere. Außerdem bin ich in ganz Deutschland unterwegs – vom Erzgebirge über das Rheinland und Hamburg bis zum Starnberger See. Das ist einfach toll!“

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