Dritte Orte als Begegnungsräume
Lockerer Austausch in einer Bibliothek: Das ist nur ein Beispiel von vielen für die Funktionen von Dritten Orten. Foto: © Leonardo.Ai/KI-generiert

Dritte Orte als Begegnungsräume

Neben der Arbeit und der Familie gibt es noch sogenannte Dritte Orte, an denen Menschen ihre Zeit verbringen. Doch was ist das genau, und welche Fachkräfte arbeiten an und mit diesem Konzept?

Text: Christine Sommer-Guist

Das Konzept der „Dritten Orte“ stammt vom US-amerikanischen Stadtsoziologen Ray Oldenburg, bekannt geworden 1989 durch sein Buch „The Great Good Place“. Darin beschreibt er „Erste Orte“ als jene, an denen Familienleben stattfindet. Der „Zweite Ort“ dient dem Gelderwerb und der „Dritte Ort“ bietet zu beiden einen Ausgleich. „An den Dritten Orten kommen Menschen aller Couleur und aller Interessen zusammen, und zwar diejenigen, die Lust haben, etwas zu bewegen“, führt Wiebke Hagemeier.  Sie ist Projektkoordinatorin im „Marta Hoch2“, einem solchen besonderen Ort im Herforder Museum. Das Ambiente Marta Hoch2 erinnert an schulische Kreativräume. Sie sind mit Sesseln, Sitzkissen und Sofas ausgestattet, natürlich auch mit einer Kaffeemaschine, lose befüllten Bücherregalen, gespickt mit Teppichen, die ein cooles Lounge-Vintage-Feeling verströmen.

Jedoch suchen nicht nur Menschen, die etwas bewegen wollen, solche Dritten Orte auf. Sie können auch einfach nur kommen, um mit anderen zusammen zu sein. Alle Plätze, an denen zwanglose Begegnungen stattfinden können – beispielsweise Cafés, Bibliotheken oder Friseursalons – sind für das Wohlbefinden und die soziale Stärkung notwendig und damit Dritte Orte. Catherina Hinz, Direktorin des „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“, nennt sie „Begegnungsorte im Herzen des Gemeinwesens“. Sie hat gemeinsam mit der Körber-Stiftung Dritte Orte bezüglich einer alternden Gesellschaft untersucht und festgestellt, dass diese vor allem auf dem Land immer seltener werden. „Früher trafen sich die Dorfbewohner*innen in Kneipen und Dorfläden. Hier fand der Austausch zwischen Menschen statt, die aufgrund des Alters oder ihrer Lebenssituation niemanden zum Sprechen hatten. An diesen Orten konnten sie der Einsamkeit entfliehen.“

Warum brauchen Menschen Dritte Orte?

Kommunen, Städte und Länder haben die Bedeutung solcher Orte für die Gesellschaft erkannt und fördern sie. Zu Recht, findet Wiebke Hagemeier: „Wir haben ein Thema mit dem Auseinanderdriften von Gesellschaft und auch mit zunehmend weniger Orten, an denen Menschen außerhalb des Internets zusammenkommen. Diese analogen Orte braucht es aber, um Gesellschaft gemeinsam zu denken, zu formen, nach vorne zu bringen, um im Austausch zu bleiben.“

Catherina Hinz bestätigt: „Wir haben uns mit Dritten Orten im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel und der alternden Gesellschaft beschäftigt. Wenn die Kinder ausziehen, Partner*innen krank werden und sterben, schwindet der Erste Ort, die Familie. Der Zweite Ort, die Arbeit, fällt im Rentenalter weg, und zusammen mit ihm wichtige soziale Kontakte. Dritte Orte werden somit immer wichtiger – für Individuen ebenso wie für die Gesellschaft. Hier begegnen sich Menschen und treten in Dialog. Dritte Orte sind wichtige Integrationsmotoren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ich würde sogar sagen für Demokratie.“

Aufgaben und Tätigkeiten an Dritten Orten

So niederschwellig das Angebot der Dritten Orte ist, so schwierig ist es, diese zu bewerben. Sie haben kein klares Profil wie Museum oder Bibliotheken. Wie machen die Betreiber*innen also auf sie aufmerksam? „Wir sind zuallererst einfach nur da“, erklärt Wiebke Hagemeier. „Wir machen wann immer es möglich ist, auf uns aufmerksam und laden Menschen ein, Zeit bei uns zu verbringen. Wir bieten unsere Räume Initiativen an, von lokalen Foodsharing-Gruppen bis zu Musikbands, Poetry-Slammern, Schulen und Menschen, die Theater spielen wollen. Wir haben eine Wohnzimmerbühne, die gerne genutzt wird.“

Auch kommunale Institutionen nutzen das Marta Hoch2. „Bei uns finden Community-Projekte statt, wie das Tanz-Theater ‚Selling Democracy’ des Kreisheimatvereins oder Koch-Events, bei denen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gemeinsam Gemüse schnippeln und darüber ins Gespräch kommen.“

Träger der Dritten Orte

Träger und Förderer von Dritten Orten sind häufig Gemeinden, weil sie wissen, wie wichtig sie für das Leben vor Ort sind. „Das muss nicht unbedingt eine finanzielle Forderung sein“, erläutert Catherina Hinz. „Gemeinden können, wenn sie wenig Geld haben, Vereine bei der Beantragung von Fördergeldern unterstützen, Fachleute vernetzen, engagierte Menschen mit ansässigen Unternehmen zusammenbringen. Einige Kommunen benennen dafür Ansprechpartner*innen, andere leisten sich eine Fachkraft und wieder andere bieten leerstehende Gebäude zur Nutzung an.“   

Auch Bundesländer haben Programme, mit denen sie Dritte Orte unterstützen. Davon profitiert das Marta HOCH 2. Es ist Teil Projektes „Dritte Orte. Häuser für Kultur und Begegnung in ländlichen Räumen“ und wird vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Wiebke Hagemeier erklärt das staatliche Engagement so: „Netzwerke spinnen, passiert nicht nebenbei. Es ist viel Arbeit, muss gefördert und honoriert werden. Das hat NRW erkannt.“

Berufschancen Dritter Ort

Andere Förderer sind Vereine und Initiativen, Museen, Bibliotheken oder Theater. Sie können sich die finanzielle Förderung kaum leisten und so entstehen an Dritten Orten nur wenige und meist befristete Arbeitsstellen. Dennoch sind sie bei kreativen Menschen sehr beliebt. Handwerker*innen, Grafiker*innen, Künstler*innen, Regiseur*innen, Sozial- und Kulturpädagog*innen nutzen diese Stellen gerne als Sprungbrett, um im kulturellen Bereich Arbeit zu finden.

Durch die Netzwerkarbeit an Dritten Orten ergeben sich viele Kontakte und Perspektiven für Quereinsteiger*innen. „Wichtig ist die Lust auf selbstständiges Arbeiten“, findet Wiebke Hagemeier. Hier fühlen sich Menschen wohl, die „maximal flexibel, sehr aufgeschlossen und kommunikativ“ sind. „Scanner-Persönlichkeiten sind gefragt“, erklärt sie, „alle, die nicht im stillen Kämmerlein ein perfektes Konzept entwickeln und durchführen wollen, sondern diejenigen, die im einen Moment einen Finanzplan entwerfen, im nächsten die Kaffeemaschine reparieren und am Nachmittag einen Vortrag auf der Kulturkonferenz halten.“

„Ich verstehe mich als Assistentin“, erläutert Wiebke Hagemeier. „Ich assistiere dem Ort, damit er sich selber trägt. Dafür braucht es ebenso viel Kreativität wie Geduld, Resilienz und Bescheidenheit. Denn ich gestalte den Ort nicht, ich biete ihn nur an, so dass er von so vielen Menschen wie möglich genutzt wird.“

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