Faire Nutzung von Rohstoffen
Die Rohstoffindustrie bietet spannende Jobs für Politikwissenschaftler*innen und Quereinsteiger*innen. Foto: WILA Arbeitsmarkt/Leonardo.Ai

Faire Nutzung von Rohstoffen

Die Schätze der Erde sind wichtiger Bestandteil des technologischen Wandels und der gesellschaftlichen Entwicklung. Wie diese unter Wahrung der Menschenrechte und des Naturschutzes genutzt werden können, dafür sorgen Fachkräfte in der Rohstoffpolitik.

Text: Elisabeth Werder

Schon seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte dreht sich alles um Rohstoffe: Um ihre Verteilung, den Zugang zu ihnen – und darus entstehende Konflikte zwischen verschiedenen Akteur*innen. Diese zwangen die Menschheit bereits in führen Gesellschaften dazu, Regeln und Mechanismen zur Kontrolle und Verteilung von Rohstoffen zu implementieren. Im Laufe der Jahre professionalisierten sich Handel und Industrie, was zu komplexeren Formen der Regulierung führte. Auch geopolitische Veränderungen, technologischer Fortschritt und die Digitalisierung beeinflussen die Dynamik der Rohstoffpolitik.

So richtig auf die politische Agenda der Neuzeit rückte das Thema allerdings erst in den letzten Jahren. 2010 verabschiedete die Bundesregierung erstmals eine sogenannte Rohstoffstrategie, im Januar 2020 wurde vom Bundeskabinett erneut eine darauf aufbauende Rohstoffstrategie der Bundesregierung beschlossen. Denn mit dem technologischen Wandel ändert sich auch der Ressourcenbedarf und damit die Nachfrage an mineralischen Rohstoffen: Zukunftstechnologien wie Elektromobilität, Digitalisierung und die Energiewende lassen den Bedarf an Basis- und Hochtechnologiemetallen wachsen.

Standort Deutschland

Baurohstoffe wie zum Beispiel Sand und Kies, gebrochene Natursteine, Kalk- und Mergelsteine sowie einzelne Industriemineralien gewinnt Deutschland aus heimischen Lagerstätten. Im Jahr 2019 war Deutschland bei Braunkohle der weltweit zweitgrößte, bei Rohkaolin der drittgrößte, bei Steinsalz der viertgrößte und bei Kalisalz der fünftgrößte Produzent weltweit. Bei Energierohstoffen, Metallen und dem größten Teil der Industriemineralien ist Deutschland hingegen stark von Importen abhängig. Das letzte deutsche Metallerzbergwerk wurde 1992 geschlossen – seither müssen alle benötigten Metalle entweder importiert oder aus Schrott zurückgewonnen werden.

Aus geologischer Sicht sind weltweit genügend mineralische Rohstoffe für die Weltbevölkerung vorhanden. Da allerdings die Entwicklungen der Technologien – und damit verbunden der spezifische Bedarf an Rohstoffen – nicht vorhersehbar sind, ergeben sich jedoch Preisspitzen und Lieferengpässe bei der Versorgung. Außerdem wird der Zugang zu Metallrohstoffen auf den globalen Märkten zunehmend reglementierter: Immer größere Anteile des Rohstoffangebots gehen auf immer weniger Unternehmen und Länder zurück, was zu einer wachsenden Marktkonzentration führt.

Daraus ergeben sich zahlreiche Herausforderungen auf unterschiedlichen Ebenen: Der Abbau und die Verarbeitung von Metallen und Mineralien sind häufig mit erheblichen Umwelt- und Menschenrechtsproblemen verbunden. Soziale und ökologische Missstände sowie die mit dem Abbau einhergehende Vertreibung von Menschen, Nutzungskonflikte um Wasser und Land, der Eingriff in Natur und Umwelt sowie die Balance zwischen den einzelnen Akteur*innen sind nur ein Teil der Themengebiete, mit denen sich Fachkräfte der Rohstoffpolitik auseinandersetzen. Das Berufsfeld ist weit gefasst: Neben Forschung, Industrie und Wirtschaft finden Fachkräfte zum Beispiel auch in NGOs, Medien, Behörden, Bundesgesellschaften, Beratungsfirmen oder politischen Stiftungen eine Anstellung. Auch ein Quereinstieg ist denkbar zum Beispiel als Bildungsreferent*in, Kommunikationsexpert*in oder als Fachkraft mit besonderer regionaler oder auf Umwelt- und Naturschutz bezogener Expertise.

Referentin für Rohstoffpolitik

Auch Anna Schönwald gelang der Quereinstieg: Nach ihrem Master im technologieorientiertem Management verantwortete sie einige Jahre im Privatsektor Projekte im Bereich Produktion und Logistik. Anschließend führte ihr Weg zur Stelle als Referentin Rohstoffpolitik, Wirtschaft und Menschenrechte beim Inkota-Netzwerk e.V. Dort verbringt Anna Schönwald die meiste Zeit am Schreibtisch: „Von hier aus verfolge ich die aktuellen politischen Entwicklungen zum Thema, tausche mich mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen aus oder verfasse Texte. Das kann zum Beispiel für Bildungsmaterial, Positionspapiere oder Pressemitteilungen sein, aber phasenweise auch für Zwischen- oder Abschlussberichte für Drittmittelprojekte.“

Einen weitaus größeren Teil der Zeit nimmt die Bildungsarbeit ein: Das Organisieren eigener Veranstaltungen, von digitalen sowie analogen Workshops oder die Inputplanung für andere Veranstaltungen durchziehen Anna Schönwalds Arbeitsalltag. Außerdem gehört die Teilnahme und Begleitung von Multi-Stakeholder-Initiativen zu ihren Aufgaben, in Anna Schönwalds Fall der Branchendialog Automobilindustrie. „Hier gilt es, die zivilgesellschaftliche Perspektive auf Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung im Rohstoffsektor einzubringen und gemeinsame Maßnahmen voranzubringen“, erklärt sie.

Multilinguales Verhandlungsgeschick

Um all diese Aufgaben gut erfüllen zu können, sollten Fachkräfte eine ausgeprägte Selbstständigkeit und Interesse am Thema Rohstoffpolitik mitbringen. „Ein gewisses Verständnis für die jeweiligen Zielgruppen ist wichtig, so dass die diversen Publikationen und Informations- und Fachveranstaltungen zielgruppengerecht ausgerichtet sind“, erklärt Anna Schönwald. Und keine Scheu vor der Öffentlichkeit: Referent*innen sind in der Regel für die Bearbeitung von Presseanfragen zuständig und gehen oftmals in den Austausch mit Institutionen aus Politik und Wirtschaft. „Als Fremdsprache ist Englisch notwendig, um sich mit internationalen Akteur*innen austauschen zu können. Weitere Fremdsprachen sind je nach Fokus der Stelle nützlich bis notwendig, in meinem Fall tausche ich mich auf Spanisch mit Akteur*innen in Lateinamerika aus“, ergänzt Anna Schönwald.

Für die Zusammenarbeit mit Regierungen, internationalen Organisationen, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Institutionen braucht es vor allem Fingerspitzengefühl: Je nach Gruppe und Thema muss zielgerichtet und fokussiert an die Sache herangegangen werden. Die Vermittlung und Kommunikation untereinander erfordern diplomatisches Geschick und ein gutes Verständnis für übergeordnete Zusammenhänge – sowohl im regelmäßigen als auch im anlassbezogenen Austausch.

Berufseinstieg und Weiterbildungsangebote

Der Einstieg ins Berufsfeld Rohstoffpolitik kann zum Beispiel über eine Weiterbildung gelingen. Denkbar sind Angebote aus dem soziologischen oder umwelt- und naturwissenschaftlichen Bereich. Ein Seminar zum Thema „Rohstoffhunger und die Jagd nach neuen Kolonien – von planetaren Grenzen und grenzenlosem Wachstum“ bietet das Weiterbildungsunternehmen Bfw im Herbst und Winter 2024 an. Im Fokus des Angebots stehen unter anderem folgende Fragen: Gehen Erforschung und Ausbeutung von neuen Welten zwangsläufig miteinander einher? Wie gestalten sich aktuell Rohstoffverbrauch und -versorgung? Welche alternativen Konzepte des Wirtschaftens mit natürlichen Ressourcen gibt es?

Für Quereinsteiger*innen kann Erfahrung in der Arbeit mit globalen Wertschöpfungsketten, nachhaltigen Agrarlieferketten und einer damit verbundenen Anpassung an den Klimawandel von Vorteil sein. Auch Grundwissen in der Policy-Arbeit ist für eine Tätigkeit in der Rohstoffpolitik nützlich. Große Herausforderungen unserer Zeit wie der Klimawandel oder die Digitalisierung ermöglichen Fachkräften mit einer Hands-on-Mentalität spontan zu reagieren – und damit zu punkten. Mit Blick auf die genannten Themen wird das Berufsfeld Rohstoffpolitik weiterhin an Relevanz gewinnen. Auch die aktuelle Rohstoffstrategie der Bundesregierung sowie die Gesetzgebung und andere Prozesse auf europäischer Ebene haben Einfluss auf die aktuelle Arbeitsmarktsituation: Der derzeitige Fokus auf das Thema macht eine zivilgesellschaftliche Beteiligung möglich und notwendig. Für Fachkräfte mit Interesse an der Branche eröffnen sich damit spannende Anstellungsmöglichkeiten mit Sinn.

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