Alles eine Frage der Übung
Eine neue Sprache lernen oder digital fit werden: Auch im Alter lassen sich neue Sachen lernen und hilfreiche Lernstrategien erarbeiten.

Alles eine Frage der Übung

„Das lerne ich in meinem Alter eh nicht mehr!“ Wer hat das nicht schon gedacht oder gehört. Dabei spielen die Lebensjahre beim Lernen nur bedingt eine Rolle. Professor Bernhard Schmidt-Hertha, der zu „Bildung in der zweiten Lebenshälfte“ forscht, erläutert warum.

Text: Daniela Obermeyer

Der Erziehungswissenschaftler Bernhard Schmidt-Hertha lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Foto: privat

WILA Arbeitsmarkt: Was bedeutet es mit Blick auf die Lernleistung, alt zu werden?
Bernhard Schmidt-Hertha: Eigentlich nicht so viel, da wir sehr unterschiedlich altern. Jedoch steigt mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit einer Entwöhnung. Wer sich viele Jahre nicht in einem strukturierten Lernprozess engagiert hat, verlernt das Lernen. Zudem besagen ältere Studien aus der Gerontologie, dass die sogenannte fluide Intelligenz nachlässt. Das ist die Geschwindigkeit, mit der man in der Lage ist, neue Informationen abzuspeichern. Betroffen sind hiervon aber vor allem Inhalte, die nicht unmittelbar an mein Vorwissen anschließen. Diese Summe des gesammelten persönlichen Wissens – auch kristalline Intelligenz genannt – wächst dagegen bei gesunden Menschen im Laufe ihres Lebens.

Das heißt, wer sich zum Beispiel im Alter von 50 plus auf Neues einlässt, kann altersbedingt sogar einen Vorteil haben?
Ja, wenn man sich in einem Feld weiterbildet, welches an mein Vorwissen anknüpft. Das ist bei älteren Menschen in der Regel nun mal breiter. Ebenfalls positiv bewerten kann man die steigende Bereitschaft, etwas kritisch zu hinterfragen. Ältere wollen häufiger erfahren, wozu sie bestimmtes neues Wissen brauchen können, was es ihnen nützt. Meine jüngeren Studierenden etwa vertrauen einfach darauf, dass das relevant ist, was ich ihnen erzähle.

Wie lernen ältere Menschen im Vergleich zu Jüngeren?
Sie brauchen vielleicht mehr Zeit und Unterstützung, um wieder in den Lernprozess reinzukommen. Aber jemand, der es gewohnt ist, sich kontinuierlich weiterzubilden, wird auch mit 50 oder 60 wenig Probleme haben.

Wie bleibt man geistig fit?
Das ist alles eine Frage der Übung. Selbst die fluide Intelligenz lässt sich trainieren. Wenn ich am Ball bleibe, werde ich bis ins hohe Alter kaum Verluste bemerken. Problematisch ist nur die Lernentwöhnung. Die positive Botschaft vieler gerontologischer Studien ist aber: Alles was ich vergessen habe, kann ich wieder lernen – eben auch die Fähigkeit zu lernen.

Man muss nur den Mut haben, diesen Schritt zu gehen. Das Training muss auch nicht zwingend einen beruflichen Bezug haben. Die Neurobiologie weiß seit langem, dass etwa die Beschäftigung mit Fremdsprachen oder das Musizieren die kognitiven Fähigkeiten insgesamt stimulieren.

Warum sollte ich als ältere*r Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer überhaupt noch Neues lernen?
Es muss einem klar sein, dass man seine kognitiven Leistungen verlieren kann, wenn man sie nicht nutzt. Zudem ist unsere Welt so vielfältig und komplex, dass man nie genug darüber wissen kann. Es ist immer wieder spannend, sich mit neuen Dingen auseinanderzusetzen!

Wie sollte ich das Lernen am besten angehen? Wie kann ich mich motivieren?
Auf jeden Fall sollte man sich mehr Vorlaufzeit gönnen, wenn man das länger nicht gemacht hat. Hilfreich sind auch Überlegungen, welche Art des Lernens für einen selbst am besten geeignet ist: Brauche ich enge Betreuung durch eine Lehrkraft oder bin ich Autodidakt? Muss ich aktiv sein beim Lernen oder bin ich eher der rezeptive Typ? Was manche Ältere nämlich auch hemmt, ist die überholte Vorstellung davon, wie Bildung und Lernen heute funktionieren. Man assoziiert das häufig mit Schule. Dabei gibt es ein riesiges Spektrum spannender Lernformate! Noch ein Tipp: Oft fällt das Lernen in einer Gruppe Menschen leichter, die in einer ähnlichen Situation sind.

Ein gängiges Vorurteil besagt, dass sich ältere Menschen vor allem im Bereich digitale Kompetenz schwertun. Wie sehen Sie das?
Wir alle haben tagtäglich mit Computer und Internet zu tun, die allermeisten auch im beruflichen Kontext. Nur die Nutzungsgewohnheiten sind unterschiedlich, und das ist eine Generationenfrage. Ein entscheidender Unterschied ist auch hier, dass wir mit zunehmendem Alter fragen: Wozu brauche ich ein bestimmtes digitales Tool?

Diese Frage stellen Jüngere kaum, die probieren einfach aus. Generell halte ich die gängigen Apps und Tools, die in Weiterbildungen genutzt werden, auch als geeignet für die Zielgruppe ab 50. Wenn es sehr ausgefallen wird, etwa eine Avatar-basierte Lernumgebung genutzt wird, dann gibt es auch hier ältere Leute, die von sich aus Lust darauf haben, und manche eben weniger.

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