Neue Flexibilität sucht neue Grenzen
Mama muss arbeiten, die Kinder wollen spielen: Womit im Lockdown viele Familien zu kämpfen hatten, muss neu geregelt werden, wenn das Homeoffice bleibt.

Neue Flexibilität sucht neue Grenzen

Ortsunabhängig oder dauererreichbar, Work-Life-Balance oder Zurückdrängen des Privatlebens: Sind die verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeit und Leben nun positiv oder negativ? Die Antwort ist nicht so einfach – und zum Teil Verhandlungssache.

Text: Katrin Poese

Die Zeit, als Erwerbsarbeit und Privatsphäre streng voneinander getrennte Lebensbereiche waren, scheint weit weg zu sein: Genauer gesagt, ist sie vor den späten 1980er-Jahren zu suchen. Denn seitdem gibt es in der Arbeitssoziologie die fachliche Diskussion um das Phänomen der „Entgrenzung zwischen Arbeit und Leben“. Gemeint ist damit: Erwerb und Freizeit sind nicht mehr räumlich und zeitlich voneinander separiert, die Institutionen machen weniger Vorgaben, wann und wo die Arbeit zu erledigen ist. Stattdessen muss der einzelne Mensch versuchen, seinen Arbeitsrhythmus irgendwie in das Muster seiner Lebensführung einzubauen – mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt.

Während der Coronapandemie hat das mobile Arbeiten, meistens im eigenen Zuhause, stark zugenommen – stärker als es wohl ohne eine Seuche, die das Homeoffice zum sicheren Ort machte, möglich gewesen wäre. Digitale Technik, der Remote-Modus, Videokonferenz-Tools und Kollaborations-Plattformen: Wenn man den aktuellen Debatten lauscht, könnte man den Eindruck bekommen, dass es beim Neuen Arbeiten vor allem um technischen Fortschritt geht.

Doch er ist eigentlich nur der aktuelle Treiber – schon immer hat es im menschlichen Wirtschaften Veränderungen und damit einhergehende Konflikte gegeben, wie ein Blick in die Entwicklungsgeschichte der Arbeit zeigt. Mal ging es um die Entwicklung der industriellen Fertigung mit all ihren Begleiterscheinungen, mal eben um Globalisierung und Digitalisierung. Fortschritt ist also nicht der wirklich spannende Punkt in dieser Diskussion: Der wichtigste Aspekt ist, dass wir momentan eine erneute Verhandlungsrunde darüber erleben, welche sozialen Regeln und Normen für unser Arbeiten gelten.

Diese Sichtweise vertritt auch Andrea Simone Barth. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für nachhaltige Organisations- und Arbeitsplatzgestaltung an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter. Die Organisationssoziologin forscht zum Zusammenhang zwischen der Gestaltung von Räumen und der Neuen Arbeit.

Sie sagt: Die viel zitierten Grenzen der Arbeit sind weit weniger fix, als wir denken und von Beruf zu Beruf verschieden. „Grenzen sind eigentlich soziale Regeln und Normen, auf die wir uns geeinigt haben, die mit gewissen Werten einhergehen – und diese Grenzen verschieben sich gerade.“ Diese Öffnung der Grenzen kann man nicht nur fühlen, man kann sie sogar sehen: an Arbeitsräumen und an Privaträumen, wie Andrea Barth erklärt.

Neue Arbeitsräume

Besonders gut sichtbar wird das an Büroflächen, wie sie derzeit für agile Teams geschaffen werden. Andrea Barth hat für ihre Forschungsarbeit zwei Abteilungen einer Versicherung dabei begleitet, wie sie in eine Umgebung mit flexiblen, gemeinsam genutzten Arbeitsplätzen, kommunikationsfördernden Besprechungsecken und sogar einer Schaukel umgezogen sind. „Mit Arbeit verbinden wir gewisse Aufgaben und Prozesse“, erklärt die Organisationssoziologin, „das übersetzt sich in den Raum“.

Und der wandelt sich: In diesem Fall ziehen plötzlich Freizeitelemente wie Schaukel oder Kickertisch oder auch Elemente aus Privaträumen wie Wohnzimmer-Sitzecken ins Büro ein. Flexibilität, Kommunikationsfreude und spielerische Kreativität sollen in solchen Räumen gefördert werden – sie sollen so ideale Voraussetzungen für Projektarbeit schaffen.

Oft gehen mit solchen New-Work-Strukturen weitere Vorteile wie größere Selbstbestimmung oder flache Hierarchien einher. Die verschwimmende Grenze materialisiert sich zum Beispiel in geteilten Schreibtischen: Niemand mehr hat in diesen Fällen seinen eigenen Tisch oder gar eine eigene Tür, die man nach Belieben hinter sich schließen könnte.

Das kann zu Konflikten führen, wenn alte und neue unausgesprochene Regeln aufeinandertreffen. „Mein Tisch, mein Territorium“ und „alle Tische sind gemeinschaftlich genutzt“ passen nicht zusammen – die neuen informalen sozialen Regeln dazu müssen erst ausgehandelt werden.

Rollenkonflikte im Homeoffice

Genauso verhält es sich auch im Homeoffice. Dass hier die Arbeit immer mehr in die Privatsphäre hineinragt, wird ebenfalls oft im Raum selbst sichtbar, erklärt Andrea Barth. Am Anfang der Coronapandemie fand das Homeoffice vielleicht noch am Küchentisch statt, später zogen ein rückenfreundlicher Stuhl oder ein Extra-Bildschirm in den Wohnraum ein. „Der häusliche Raum ahmt dann immer mehr den Büroraum nach“, sagt die Organisationssoziologin.

Der Privatraum wird plötzlich sogar zur öffentlichen Kulisse, wenn man seine Arbeitspartner*innen in der Videokonferenz mit ins eigene Wohnzimmer nimmt – eine Situation, die viele nach der Coronapandemie schon als normal empfinden. „Jetzt verschwimmen die Grenzen stärker zwischen dem, was wir als privat verstehen und dem, was wir als Arbeit verstehen“, sagt Andrea Barth. Das kann Vorteile haben: die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der wegfallende Pendelweg, mehr Autonomie, weniger Zwänge, zum Beispiel zu formeller Kleidung.

Doch Andrea Barth sieht auch ein großes Konfliktpotenzial: „Angestellte sind ja noch immer fremdbestimmt durch Arbeitszeiten und Rhythmen“, erklärt sie. Nun muss also das Individuum zu Hause versuchen, die Rhythmen und Zeiten des Privaten mit den Arbeitsrhythmen in Einklang zu bringen. Wenn dann auch noch Rollenkonflikte dazukommen – Abteilungsleiterin und Mutter oder Lehrer und fürs Mittagessen zuständiger Ehemann – kann das durchaus stressig werden.

Dass Arbeitnehmer*innen dabei ihre professionelle Rolle nicht vernachlässigen wollten, kann man aktuellen Daten entnehmen. Eine Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dem Sommer 2021 zeigt beispielsweise, dass ein Großteil der Beschäftigten die Arbeit im Homeoffice als effizienter bewertete.

Andrea Barth sieht darin einen weiteren Ausdruck sozialer Normen: „Die Art und Weise, wie kontrolliert und geführt wird, verändert sich im Homeoffice“, erklärt sie. „Mitarbeitende versuchen deswegen zu zeigen, dass sie ja arbeiten.“ Das können sie, indem sie verstärkt über Arbeitsergebnisse berichten oder mehr Meetings ansetzen – eine mögliche Quelle für Überstunden und Selbstausbeutung. „Man muss jetzt andere Ziele definieren, wie man Arbeit misst und sichtbar macht.“

Grenzen setzen

Eine schädliche Entgrenzung der Arbeit im Homeoffice zu verhindern, funktioniert nur über neue Grenzen – soziale, räumliche oder zeitliche. So genannte informale Regeln, also unausgesprochene Normen, müssten gezielt besprochen und ausgehandelt werden, sagt Andrea Barth. Wenn sie dann verschriftlicht werden, setzen sie als neue formale Regeln dem flexiblen Arbeiten Grenzen: keine E-Mails mehr nach 19 Uhr, maximal zwei Besprechungen am Tag, Berichte über Ergebnisse zweimal wöchentlich – die Möglichkeiten sind vielfältig. Unsicherheit und Konflikte können so abgemildert oder vermieden werden.

Auch die einzelnen Beschäftigten haben Möglichkeiten, räumlich und zeitlich Grenzen zu setzen: Falls ein eigener Raum zur Verfügung steht, sollte man sich im Homeoffice dahin zurückziehen, sagt Andrea Barth. Falls nicht, müssen andere Tricks helfen, um eine räumliche Distanz zu schaffen: zum Beispiel nach Feierabend den Laptop und Bildschirm wegzuräumen oder den Arbeitsort zumindest vom Schlafraum zu trennen. Auch Kleidung könne hilfreich sein: Zum Dienstbeginn auch im Homeoffice in arbeitstaugliche Kleindung schlüpfen und sie nach Dienstende mit der Jogginghose auszutauschen.

Außerdem lasse sich die zeitliche Dimension dazu nutzen, Grenzen zu ziehen: „Man kann versuchen, klare Arbeitszeiten einzuhalten und bewusst Pausen zu machen“, sagt Andrea Barth. Falls es noch keine betriebliche Regel dazu gibt, kann man sich auch selbst eine machen: „Nach Feierabend werden keine Arbeits-E-Mails mehr gecheckt“ oder „In der Mittagspause nehme ich keine Anrufe an“.

Vom Extrem zum neuen Alltag

Wie geht es nun weiter mit der Entgrenzung und Flexibilisierung? Auch das ist zum Teil Verhandlungssache. Andrea Barth erinnert daran, dass New-Work-Umgebungen und Dauer-Homeoffice Extrembeispiele für die Hybridisierung von Räumen und verschwimmende örtliche und zeitliche Grenzen seien. Die Realität vieler Arbeitnehmer*innen liege woanders. „In manchen Unternehmen konnte man vor der Pandemie noch gar nicht von zu Hause aus arbeiten – und einige Betriebe wollen auch wieder in diesen Zustand zurück.“

Die Coronazeit habe dazu geführt, dass sich etwas in den Arbeitsweisen verschiebe, das vielleicht auch nötig gewesen sei – wo genau, das muss sich erst noch herausstellen. „Jeder Beruf hat andere Anforderungen und weist andere Formen von Grenzen auf.“ Wo genau eine Flexibilisierung sinnvoll sei, müsse jedes Unternehmen für seine spezifischen Anforderungen bedenken und aushandeln. Geht es nach den Arbeitnehmer*innen, möchten nur wenige zurück zum reinen Präsenzbetrieb, wie es in der Analyse „Homeoffice in Coronazeiten“ des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung heißt.

Welche Arbeit besser im Büro zu erledigen ist und welche Aufgaben sich gut mit ins Homeoffice nehmen lassen, ist eine Frage, die Andrea Barth auch bei ihrer Forschung zur Gestaltung von Arbeitsräumen beschäftigt. Sie beobachtet: „Büroräume sollen mehr zu kollaborativen Räumen werden.“ Präsenzbetrieb also nur noch für gemeinsames Arbeiten und Besprechungen?

Beim Blick auf Raum-Templates der modernen New-Work-Flächen zeige sich, dass sie auf Kommunikation und Zusammenarbeit ausgelegt seien – für ruhige Arbeit an einem zurückgezogenen Ort werde nur noch wenig Raum eingeplant, beobachtet Andrea Barth. „Ich frage mich dann immer: Wird die konzentrierte Einzelarbeit ins Homeoffice ausgelagert?“ Ob es so kommt, muss die Entwicklung zeigen – in erster Linie ist es aber wie vieles andere am Neuen Arbeiten: Aushandlungssache.

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