„Verkauft euch nicht unter Wert!“
Beim Thema Gehalt stapeln viele Berufseinsteigerinnen tief, vermutet unsere Leserbriefschreiberin. Foto: © contrastwerkstatt / Fotolia.de

„Verkauft euch nicht unter Wert!“

Als eine Sozialpädagogin im Bewerbungsgespräch ihre Gehaltsvorstellung mitteilte, wurde sie schallend ausgelacht. Die lapidare Antwort ihres Gegenübers: Da nehme er lieber eine günstige Berufsanfängerin.

Der Leserbrief

Kürzlich musste ich wieder über die Dreistigkeit staunen, mit der private Arbeitgeber oftmals vorgehen. Ich bin Diplom-Sozialpädagogin (FH) und habe mich bei einem privaten Bildungsträger vorgestellt, der neuerdings auch in der ambulanten Jugendhilfe tätig ist.

Der Vorgesetzte im Bewerbungsgespräch fragte mich nach der Höhe meines derzeitigen Gehalts. Ich bin, leider befristet, noch im öffentlichen Dienst beschäftigt und habe ihm die Gehaltshöhe genannt. Da brach der Vorgesetzte in schallendes Gelächter aus und erklärte mir, er würde davon nur 70 % vergüten, und dies „selbstverständlich“ ohne weitere Sozialleistungen wie vermögenswirksame Leistungen, Weihnachtsgeld, Einmalzahlungen oder einer betrieblichen Altersversorgung.

"Natürlich Vollzeit, gute Frau!" 

Ich lächelte freundlich zurück und fragte ihn, für wieviele Wochenstunden denn sein mir angebotenes Entgelt sei. Da erwiderte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Natürlich Vollzeit, das sind 40 Wochenstunden, gute Frau!“ Und schmetterte meine Einwände gegen sein Angebot sogleich mit den Worten ab: „Schuld daran seid ihr selbst! Weil es von euch Soz.päds soviele gibt. Das drückt den Preis. Und wenn ich es mir schon aussuchen kann, dann nehme ich doch lieber einen (!) Diplom als einen (!) Bachelor, weil ihr schon Berufserfahrung habt. Wobei Sie sicherlich verstehen werden, dass ich Ihnen Ihre Berufserfahrung aus Kostengründen nicht anerkennen kann.“

Und er fügte erklärend hinzu, er habe in den Vorstellungsgesprächen viele Sozialpädagoginnen mit einem Bachelor-Abschluss, meist Berufsanfängerinnen, die auf die Frage nach ihren Gehaltsvorstellungen für eine Vollzeitstelle (!) Bruttogehälter in Höhe von 1800 Euro bis maximal 2300 Euro angeben. Beiläufig gesagt, jede Erzieherin verdient in Vollzeit weit mehr.

„Schuld seid ihr selbst!“

Deshalb mein dringender Appell an alle Berufsanfänger/-innen: Verkauft euch nicht unter Wert! Nehmt euch gerade an den Erzieher/-innen ein Beispiel, die sich auch gewerkschaftlich und in Berufsverbänden organisieren, und so für höhere Löhne und eine bessere Anerkennung ihrer wertvollen Arbeit in der Gesellschaft kämpfen!

Oder habt ihr etwa keine Vorstellung davon, wie hoch die Lebenshaltungskosten sind? Vielleicht, weil eurer Studium komplett von euren Eltern finanziert wurde? Oder kennt ihr etwa den Unterschied zwischen „brutto“ und „netto“ nicht? Oder fielen in eurem Bachelor-Studium die Themen „Tarifrecht“ und „Vergütungsformen im sozialen Sektor“ der Bologna-Reform zum Opfer?

  • Jobs-Sozialpaedagogen-ArbeitsmarktDer Leserbrief ist im WILA Infodienst für Berufe in Bildung, Kultur und Sozialwesen erschienen. Herausgeber des Infodienstes ist der Wissenschaftsladen Bonn. 
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Ja, der Leiter hat Recht mit seiner Behauptung: „Schuld seid ihr selbst!“ Ein Lohnverzicht mag euch Berufsanfänger/-innen zu einem schnellen Job verhelfen. Aber ich tut euch selbst und auch euren Berufskolleg/-innen damit keinen Gefallen. Oder wer sollte noch „einen Diplom“ (Zitat!) einstellen, wo es doch so viele, billige „Bachelors“ auf dem Arbeitsmarkt gibt.

Befristet sind die Stellen sowieso. Dann beginnt, spätestens nach einem Jahr, das Spiel von vorne, mit neuen Fördergeldern und Zuschüssen der öffentlichen Hand für die Arbeitgeber. Ein schöner Mitnahmeeffekt. Was dem Arbeitgeber als privatem Unternehmer nicht einmal zu verdenken ist.

Was haben Sie in Bewerbungsgesprächen erlebt? Schreiben Sie uns eine Mail an redaktion (at) wila-arbeitsmarkt (punkt) de. Wir veröffentlichen regelmäßig Leserbriefe, selbstverständlich auch anonym wie diesen Bericht. 

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