Zurück in die Festanstellung
Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen arbeiten: Ein Punkt, den viele Selbstständige vermissen. Foto: contrastwerkstatt / Fotolia.de

Zurück in die Festanstellung

Veränderungen: Macht sich jemand selbstständig, wird er für seinen Mut bewundert. Ganz anders, wenn Selbstständige zurück wollen ins Angestelltenverhältnis. Gut geplant kann der Wechsel gelingen.

Text: Daniela Lukaßen

„Selbstständig zu arbeiten, bedeutet ‚selbst‘ und ‚ständig‘ zu arbeiten.“ Diesen Spruch hat wohl jeder Freiberufler oder Selbstständige schon einmal zum Besten gegeben. Und die meisten Betroffenen wissen sicherlich genau, wie viel Wahrheit dahinter steckt. Natürlich ist die Selbstständigkeit mit enormen Freiheiten verbunden, von denen viele Festangestellte nur träumen können. Zugleich steht sie auch für große Herausforderungen, für finanzielle Unsicherheiten, eine immense Verantwortung für sich selbst und möglicherweise auch für Angestellte sowie für eine Vielzahl von zusätzlichen Aufgaben.

Steuerangelegenheiten müssen erledigt werden, es muss akquiriert werden, Kalkulationen müssen erstellt, Budgets sorgsam verwaltet und eingeteilt werden und vieles mehr. Nicht zuletzt aus diesen Gründen entscheiden sich einige Selbstständige irgendwann dazu, wieder zurück in ein Angestelltenverhältnis zu wechseln.

Manche merken auch, dass sie gar keine Unternehmertypen sind, dass sie fachlich vielleicht ganz gut aufgestellt, aber mit allem, was sonst noch in einer Freiberuflichkeit anfällt, überfordert sind. Andere Selbstständige streichen erst nach vielen Jahren die Segel, weil sich ihre beruflichen Pläne ändern, weil sie sesshaft werden möchten oder weil sie sich einfach ein geregelteres Arbeitsleben wünschen.

Persönliches Scheitern?

Doch egal, ob sich ein Selbstständiger erst nach jahrelanger Freiberuflichkeit oder schon nach kurzem Reinschnuppern in dieses Arbeitsmodell für den Rückzug entscheidet: Der Weg zurück in die Festanstellung ist nicht immer einfach.

Eine Ursache dafür: Selbstständige, die sich auf feste Stellen bewerben, werden häufig mit Vorurteilen konfrontiert. „Er hat wahrscheinlich zu wenig Aufträge“, „Sie hat sicherlich schlecht kalkuliert und muss nun ihre Selbstständigkeit aufgeben“, „Das Unternehmen kann sich nicht mehr am Markt behaupten“, „Die freie Tätigkeit ist ihm wohl zu aufwändig geworden, und er sucht sich nun eine entspannte Tätigkeit für die letzten Jahre seiner Berufstätigkeit“. Die Liste der Mutmaßungen ließe sich fortsetzen.

Denn die Entscheidung gegen die Freiberuflichkeit und für eine Angestelltentätigkeit wird in den Augen vieler mit einem persönlichen Scheitern in Verbindung gebracht. Dabei sind die Gründe, warum ein Mensch die Freiheiten der Selbstständigkeit (wieder) gegen einen festen, geregelten Job eintauscht, durchaus vielfältiger. Und längst nicht immer ist es ein Eingeständnis des eigenen Scheiterns oder ein Hinabsteigen auf der Karriereleiter, wenn man sich zu einem Wechsel entschließt. Da gibt es ganz andere Gründe, die ausschlaggebend sein können. Zum Beispiel der Wunsch, wieder im Team zu arbeiten.

Drei Hauptgründe für den Seitenwechsel

Das weiß auch Torsten Schneider, der seit vielen Jahren als Personalleiter in mittelständischen Unternehmen tätig war. „Aus meiner Sicht gibt es drei Hauptgründe, warum sich Selbstständige für eine Anstellung entscheiden“, erklärt er. „Viele Entscheidungen dazu sind ökonomisch getrieben. Die Betroffenen sehen, dass sie mit ihrer selbstständigen Tätigkeit nicht mehr genug verdienen. Sie wünschen sich eine größere Sicherheit und möchten nicht mehr die alleinige finanzielle Verantwortung tragen.“

Ein Thema, das viele Selbstständige umtreibt, die sich eine Zeit lang als Einzelkämpfer behauptet haben. Doch auch über den finanziellen Aspekt hinaus gibt es Beweggründe für den Wechsel in die Festanstellung. „Insbesondere bei jungen Menschen erlebe ich häufig auch etwas anderes“, betont Schneider, der Mitglied im Präsidium des Bundesverbandes der Personalmanager ist. „Die Selbstständigkeit bringt vielfach auch einen großen Aufwand mit sich, der mit der eigentlichen beruflichen Tätigkeit wenig zu tun hat. So gilt es zum Beispiel, sich um die Buchhaltung zu kümmern, zu akquirieren und vieles mehr.“

"Ich möchte mich wieder auf meinen Job konzentrieren"

Besonders jüngere Selbstständige, so weiß der Personalverantwortliche, würden sich schon deshalb für einen Seitenwechsel entscheiden. „Darüber hinaus geschieht es häufig auch, dass Selbstständige aufgrund ihrer Kompetenzen und ihres Know-hows von Unternehmen abgeworben werden“, erzählt Schneider. Und bei vielen Freiberuflern beginne dann ein Umdenken. Der Wunsch, das eigene Netzwerk im Angestelltenverhältnis auszubauen, um eines Tages vielleicht wieder als Selbstständiger davon profitieren zu können, sei bei Vielen ausschlaggebend. Torsten Schneider spricht dabei vom sogenannten Multiplikatoreneffekt.

Doch ungeachtet dessen, warum sich ein Mensch dafür entscheidet, die Selbstständigkeit hinter sich zu lassen, will dieser Schritt immer gut überlegt sein. „Ganz wichtig ist es, dass man sich selbst darüber im Klaren ist, warum man diesen Wechsel möchte“, betont Schneider. Was stört mich an meiner Selbstständigkeit? Was möchte ich ändern? Was möchte ich beibehalten? Und was sind meine Ziele? Alle diese Fragen seien zur Analyse der eigenen Situation ausschlaggebend. Denn nur so, hebt der Personaler hervor, ließe sich ein genaues Bild von den persönlichen Motiven machen und auf dieser Basis ein Ziel definieren.

Auch Leo Hardt (Name geändert) hat sich solche Gedanken gemacht. Der 48-Jährige, der lange als Einzelkämpfer in der Unternehmensberatung tätig war, sucht bereits seit Längerem nach einer festen Stelle. „Ich möchte endlich nicht mehr selbst akquirieren müssen und mich stattdessen voll und ganz auf das konzentrieren, was meinen Job eigentlich ausmacht“, berichtet er. Acht Jahre lang hat er Betriebe beraten, die kurz vor der Insolvenz standen, hat Start-ups mit aufgebaut und Unternehmen auch durch schwierige Phasen begleitet. Ein Beruf, der ihn voll und ganz fordert. 

"Wie ist der Bewerber mit einer schwierigen Situation umgegangen?" 

„Ich liebe meine Arbeit, aber ich merke, dass ich langsam ein wenig kürzer treten muss“, erzählt der Unternehmensberater und beeilt sich, hinzuzufügen: „Das bedeutet nicht, dass ich bei einer Festanstellung die Hände in den Schoß legen möchte. Aber ich möchte nicht mehr so viel Verantwortung drum herum tragen, sondern mich wirklich in erster Linie auf meine Arbeit konzentrieren können.“ Bisher, so berichtet Hardt, seien seine Bewerbungen alle nach mehr oder weniger kurzer Zeit im Sande verlaufen. Teilweise habe er gar nichts gehört, hin und wieder nach dem Vorstellungsgespräch eine Absage erhalten. Für den Selbstständigen eine Ernüchterung. „Probieren werde ich es auf jeden Fall weiter“, erzählt er und fügt hinzu: „Es sind noch einige Bewerbungen offen. Vielleicht klappt es ja dort.“

Dass Bewerberinnen und Bewerber, die aus der Selbstständigkeit kommen, oft Geduld haben müssen, weiß auch Torsten Schneider. Menschen wie Leo Hardt rät er dazu, den Wechselwunsch auf jeden Fall im Anschreiben zu thematisieren. „Diesen sollte man jedoch immer auf Basis einer reinen Nutzen-Argumentation ansprechen. Auf keinen Fall sollte sich ein Bewerber rechtfertigen, weil er sich aus der Selbstständigkeit auf eine feste Stelle bewirbt.“ 

"Es gibt keinen Anlass, sich zu rechtfertigen" 

Schneider rät dazu, das „Hin zu“ und nicht das „Weg von“ in den Fokus zu rücken. Das bedeutet im Klartext: Jobinteressenten sollten den Benefit hervorheben, den sie für das Unternehmen mitbringen. Und thematisieren, was sie sich von der Stelle erhoffen. Ganz wichtig: Neben dem Know-how sollte auch die Fähigkeit zum eigenverantwortlichen Arbeiten angesprochen werden. Auch bestimmte Erfahrungen, die wertvoll für die anvisierte Stelle sind, sollten unbedingt Raum in der Bewerbung einnehmen. „Selbstverständlich schauen Personalverantwortliche immer auch, wie anpassungsfähig ein potenzieller Mitarbeiter ist. Darum sollte ein Mensch, der sich auf eine Stelle bewirbt, konkrete Beispiele benennen, die seine Flexibilität und Teamfähigkeit belegen. Auch die Bereitschaft, sich auf neue Rahmenbedingungen einzustellen und der erklärte Wille, sich weiterzubilden, sind ein großes Plus.“

Steht dann tatsächlich das Bewerbungsgespräch an, sollten sich ehemals Selbstständige ganz besonders auf dieses vorbereiten. Dazu gehöre es, sich auch mit eher kritischen Aspekten zu befassen, mit denen man im Laufe der freiberuflichen Tätigkeit  konfrontiert wurde.

„Interessant ist es für einen Personaler immer auch zu schauen, wie ein Bewerber mit schwierigen Situationen umgegangen ist“, erläutert Schneider. Wie hat die Person zum Beispiel Konflikte bewältigt? Wie ist sie vorgegangen, wenn ein Kunde nicht bezahlt hat? Solche Themen können auch im Bewerbungsgespräch thematisiert werden. Wer sich dann bei Nachfragen nicht als Problembewältiger darstellen kann, hat eine Chance verpasst. Da geht es ja nicht um die Schwierigkeiten, sondern viel mehr um den Umgang damit. 

Darüber hinaus rät Torsten Schneider ganz besonders auch zu einem Punkt: „Wer in einem Vorstellungsgespräch sitzt, weil er in ein festes Angestelltenverhältnis wechseln möchte, hat keinen Anlass sich zu rechtfertigen. Schließlich scheint der Bewerber für das Unternehmen interessant zu sein, sonst würde er nicht im Gespräch sitzen. Da ist eine Rechtfertigung, warum man raus aus der Selbstständigkeit möchte, ein No-Go.“

Neben dem richtigen Verhalten in Sachen Bewerbung, sollte sich jeder, der über einen Wechsel nachdenkt, jedoch auch selbst intensiv mit dem Thema befassen. Denn genau diese Auseinandersetzung mit den Begleitumständen komme oft zu kurz.

„Viele Selbstständige unterschätzen häufig, wie starr die Strukturen in einem Unternehmen sind. Selbst in modernen Konzernen“, gibt der Human Resources Director zu bedenken. „Man sollte sich also immer selbst die Frage stellen, ob man als selbstständig arbeitender Mensch in einem engeren Fahrwasser wirklich glücklich wird. Denn das ist bei Unternehmen immer enger als in einer Freiberuflichkeit.“ 

Doch dies sei nicht die einzige Herausforderung, mit der ehemalige Selbstständige in einem angestellten Arbeitsverhältnis konfrontiert würden. Ein sehr junger Vorgesetzter kann von einer ehemaligen Freiberuflerin, die viele Jahre selbst auf dem Chefsessel saß, vielleicht nur schwer akzeptiert werden. Der Selbstständige, der lange Zeit seine eigenen Mitarbeitenden geführt hat, kann sich eventuell nicht darauf einlassen, plötzlich in einem Angestelltenverhältnis ohne Führungsrolle tätig zu sein.

Rollenwechsel: Plötzlich nicht mehr der eigene Chef oder die eigene Chefin sein

Klar ist: Der Wechsel aus der Selbstständigkeit in den festen Job verlangt den Betroffenen auch einen Rollenwechsel ab. Und lange nicht jeder kann mit diesem auch angemessen umgehen. „Wenn ein Mensch jahrelang Budgets verwaltet und ausgegeben hat, ist es für ihn eine große Umstellung, wenn er plötzlich die Controlling-Abteilung einbinden muss“, gibt Schneider zu bedenken.

Und er spricht noch etwas an: Das Thema „Cultural fit“. Passt ein Mensch wirklich ins Unternehmen? Gehen seine Werte mit denen des Konzerns konform? „Das sind natürlich Fragen, die immer eine Rolle spielen, wenn sich potenzielle Mitarbeitende auf eine Stelle bewerben“, erklärt Thorsten Schneider. „Doch gerade bei ehemaligen Selbstständigen wird meist noch ein bisschen genauer hingeschaut.“ Schließlich gilt es für die Bewerberinnen und Bewerber, sich nicht nur auf mögliche neue Tätigkeiten einzulassen, sondern auch den Rollenwechsel zu meistern. 

Das betont auch Dr. Ralf Neier. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Personal- und Unternehmensberatung Heiko Mell & Co GmbH. Ob der Schritt aus der Selbstständigkeit gelingt, hänge immer von den einzelnen Gegebenheiten ab, erläutert er. „Ausschlaggebend ist beispielsweise, um welche Art der Selbstständigkeit es sich handelt“, führt er aus.

Bewirbt sich da ein junger Gründer, der erst vor kurzer Zeit den Schritt in die Freiberuflichkeit gewählt hat oder möchte da ein Unternehmer, der selbst jahrelang der Vorgesetzte von Mitarbeitenden war, zurück in eine feste Anstellung? „Für den ersten ist dieser Weg sicherlich leichter“, betont Neier. Und gerade diese Gruppe der jungen Unternehmer sei es auch, die häufiger schon nach kurzer Zeit einen Wechsel zurück in das Angestelltenverhältnis anstreben würde.

„Viele Neugründer merken oft sehr schnell, dass sie neben ihren eigentlichen Tätigkeiten auch um Kunden werben müssen und dass ihnen diese Akquise nicht immer leicht fällt. Und sie bemerken, dass sie der Tätigkeit zwar fachlich gewachsen sind, nicht aber unternehmerisch.“

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Punkte, die in einem Anschreiben unbedingt thematisiert werden sollten, wie Neier erklärt. „Es ist wichtig, genau dieses Problembewusstsein zu zeigen und sich einzugestehen, dass einem die Selbstständigkeit nicht liegt, weil man vielleicht kein Unternehmer oder Akquisiteur ist.“ Je eher Selbstständige dies erkennen, desto besser, so seine Meinung.

Und er hebt noch etwas hervor. „Unsere Arbeitswelt besteht aus drei Bereichen: dem Öffentlichen Dienst, der freien Wirtschaft und der Selbstständigkeit. Ein Wechsel in einen anderen Bereich ist nie ganz leicht. Erst recht nicht für einen Selbstständigen, der sich ja ganz bewusst gegen einen der beiden anderen Bereiche entschieden hat.“ Eine Entscheidung, die laut Neier oft auch mit einer bestimmten Persönlichkeit verbunden sei. „Jemand, der in einem freien Arbeitsverhältnis tätig ist, hat sich ja aus gutem Grund in die Selbstständigkeit begeben. Oft auch, weil diese Form eher seiner Persönlichkeit entspricht. Die Person möchte autark arbeiten, ihr eigener Chef sein und den eigenen Regeln folgen.“

Knackpunkt Gehaltsforderung

Für die Bewerbung hat der Berater einige ganz konkrete Tipps. „Ich würde jedem, der sich auf eine feste Stelle bewirbt, dazu raten, mit offenen Karten zu spielen“, sagt er. „Dabei gilt es, bereits im Anschreiben die eigene Expertise voranzustellen und nicht zu versuchen, mit Bezeichnungen, wie Geschäftsführer oder Ähnlichem, zu punkten. Stattdessen sollte man seinen Titel möglichst klein halten.“

Denn ein allzu selbstüberzeugtes Auftreten, so meint der Berater, gehe häufig nach hinten los. „Kein Unternehmen möchte einen Menschen einstellen, der von Anfang an signalisiert, dass er keine Angestelltenpersönlichkeit hat.“ Bewerbungsfotos, auf denen Jobinteressenten zu selbstbewusst und autark wirken, wie es etwa bei verschränkten Armen der Fall sei und ein sehr dominantes Auftreten seien oft kontraproduktiv. „Ich möchte als Personalentscheider, dass sich ein neuer Mitarbeiter wie meine anderen Angestellten verhält“, sagt Neier. „Da entscheide ich mich natürlich für den, von dem ich glaube, dass er das kann und nicht für jemanden, der sich bereits in der Bewerbung ganz anders darstellt.“

Auch der vielfach geforderte Gehaltswunsch sei oft ein Punkt, bei dem sich Selbstständige, die sich auf eine feste Stelle bewerben, unsicher seien. „Klar ist, dass Freiberufler nicht ihr aktuelles Einkommen zugrunde legen können“, betont Neier. „Schließlich haben sie in der Regel ganz andere Ausgaben als Angestellte, die Gehaltsgrößenordnungen lassen sich nicht direkt vergleichen. Vielleicht so: Die Umrechnung meiner Einkommenssituation auf ein Angestelltengehalt ergibt aktuell circa 50.000 Euro pro Jahr.“ Formulierungen wie diese seien oft die bessere Wahl. 

Hat es mit der Stelle geklappt, mahnt er zu besonderer Sensibilität während der Probezeit. „Wenn ein Arbeitgeber einen Menschen einstellt, der vorher freiberuflich tätig war, hat er immer bestimmte Erwartungen. Darum steht der neue Mitarbeiter immer unter einer besonderen Beobachtung“, weiß Neier. „So wird zum Beispiel genau hingeschaut, ob ehemalige Selbstständige ihre Chefrolle tatsächlich ablegen können.“ 

Ein Lernprozess, wie Martina Schmidt (Name geändert) sagt. Die 40-Jährige hat sieben Jahre lang ihre eigene kleine PR-Agentur geführt. „Ich hatte eine PR-Assistentin, eine Sekretärin und immer wieder Praktikanten“, sagt sie. „Die Hierarchien waren flach. Sicherlich auch, weil wir nur so ein kleines Team waren.“ Und trotzdem, so gibt sie zu, sei ihr der Wechsel in das Angestelltenverhältnis nicht ganz leicht gefallen. „Plötzlich musste ich über alles, was ich mache, Rechenschaft ablegen, alles absprechen und mir das Okay holen, bevor ich größere Ausgaben getätigt habe.“

Heute ist sie mit ihrer Entscheidung, in die Kommunikationsabteilung eines mittelständischen Unternehmens zu wechseln, glücklich. „Es gibt mir einfach mehr Sicherheit, und ich konnte viel Verantwortung abgeben, die man als Selbstständige einfach hat.“ Auf der anderen Seite, so sagt sie, sei es ihr schwer gefallen, alles hinter sich zu lassen und noch einmal neu zu beginnen. „Das war für mich, glaube ich, die größte Herausforderung“, erzählt die Kommunikationsexpertin. 

Dr. Andreas Lutz, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. (VGSD), kennt diese Schwierigkeit gut. „Es ist natürlich schade, wenn man sich etwas aufgebaut hat und dann in ein Angestelltenverhältnis wechselt“, erklärt er. Um sich den Schritt zu erleichtern, sei besonders eine Option denkbar. „Vielleicht besteht ja eine Möglichkeit in der Fortsetzung der Selbstständigkeit im Nebenberuf“, erläutert er, spricht aber gleich auch mögliche Nachteile an. „Natürlich handelt es sich hierbei um eine Doppelbelastung, und nicht jeder Arbeitgeber ist unbedingt begeistert, wenn man im Nebenberuf weiter selbstständig ist.“

Martina Schmidt berichtet, dass sie hin und wieder für einige alte Kunden tätig ist. „Das mache ich natürlich dann in meiner Freizeit, und der Verdienst spielt auch eher eine untergeordnete Rolle. Aber so habe ich das Gefühl, nicht alles auf einmal aufgeben zu müssen.“ Die größte Herausforderung beim Wechsel aus der Selbstständigkeit in das Angestelltenverhältnis habe in erster Linie in der eigenen Einstellung bestanden, wie sie erklärt. „Man muss wissen, was man möchte. Und dann hat meiner Meinung nach auch die Bewerbung deutlich bessere Chancen, auf dem Stapel eines Personalers weiter oben zu landen. Denn schließlich kommt es darauf an, dass man schon im Anschreiben authentisch auftritt und dem Unternehmen vermittelt, welche Expertise es mit einem bekommt.“

Die Vorbehalte auf Arbeitgeberseite gegenüber ehemaligen Selbstständigen oder Freiberuflern sind weit verbreitet. Doch wer sich und seine Expertise gut verkaufen kann, hat gute Chancen auf einen Seitenwechsel. Allerdings gelingt dieser nur, wenn man auch selbst dazu bereit ist, einige seiner Prinzipien über Bord zu werfen. Denn eines ist klar: So viele Freiheiten wie Selbstständige haben die wenigsten Angestellten. Auf der anderen Seite stehen natürlich die Aspekte Sicherheit, Teamarbeit und oftmals auch ein geregelterer Arbeitstag.

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